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1 (1927)
Entstehung
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288
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AN DAS AUSWÄRTIGE AMT

London , 16. 12. 1912

S ir E. Grey hat den beteiligten Botschaftern soebenvorgeschlagen, die erste Besprechung morgen umhalb vier stattfinden zu lassen. Die Verhandlungensollen geheimgehalten und kein Protokoll geführt wer-den. Nur wenn Beschlüsse gefaßt sind, sollen sie zuPapier gebracht werden. Der Minister will gleich mitder albanischen Frage anfangen und die GrenzenAlbaniens , welches bis an Montenegro heranreichensoll, in großen Zügen festlegen. Dann will er Frageder wirtschaftlichen Verbindung Serbiens mit derAdria ganz im Sinne der im Telegramm Nr. 217 ent-haltenen Auffassung zur Sprache bringen. Die mög-lichst einstimmig gefaßten Beschlüsse sollen denMächten vorgelegt werden, und hofft der Ministerdurch Vorwegnahme dieser beiden Punkte die ge-fährlichsten Fragen möglichst rasch zu erledigen.

Die innere Abgrenzung ihrer Neuerwerbungen willer den Kriegführenden überlassen und die ägäischenInseln erst später erörtern.

Sir E. Grey, welcher bereits mit meinen Kollegenaußer dem Grafen Mensdorff, der erst heute Abendzurückkehrt, gesprochen hatte, schien wieder sehrzuversichtlich zu sein und sagte, er hoffe zu einemgünstigen Ergebnis zu gelangen. Wir, Deutschland undEngland , hätten die ganze Zeit in der gleichen Rich-tung gearbeitet, und es würde ihn freuen, wenn unseregemeinsamen Bemühungen zum Ziele führten.

Lichnowsky.

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