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Reden und Aufsätze aus dem Kriege / Helfferich
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reichte er mit der sicher zu erwartenden deutschen Ablehnungeine Verschlechterung der Stimmung des englischen Kabinettsgegenüber Deutschland. *)

Daneben zeigten sich aus dem Kreise der britischen Regierunggewisse Ermutigungen für Frankreich und Russland . Welche Kräftedabei am Werke waren, ergibt sich aus dem Zusammenhalt zweierTelegramme (Gelbbuch No. 63 und No. 66), die der französischeGeschäftsträger in London am 27. Juli an seine Regierung richtete.Die beiden Telegramme mögen hier im Wortlaut Platz finden:

*) Die deutsche Regierung hat übrigens den Konferenzgedanken tinterausdrücklichem Hinweis darauf abgelehnt, dass nach Petersburger NachrichtenHerr Sasonoff einen direkten. Meinungsaustausch mit dem Grafen Berchtold beabsichtige und dass es das Beste sei, zunächst einmal das Ergebnis diesesMeinungsaustausches abzuwarten (Blaubuch No. 43). Die russische Regierungselbst nahm zu dem englischen Konferenzvorschlag die gleiche Haltung ein:Sasonoff antwortete dem englischen Botschafter, der ihm die Konferenzideeunterbreitete, er habe Besprechungen mit dem österreichisch-ungarischen Bot-schafter unter, wie er hoffe, günstigen Verhältnissen eingeleitet. Wenn dieunmittelbare Aussprache mit dem Wiener Kabinett sich als unmöglich heraus-stellen sollte, sei er bereit, den englischen Vorschlag anzunehmen, wie jedenandern, der geeignet sei, eine günstige Lösung des Konflikts herbeizuführen(Blaubuch No. 53). Also auch Russland hat den englischen Konferenz-vorschlag zunächst nicht angenommen, sondern den Weg der direkten Ver-handlung mit Wien vorgezogen. Sir Edward Grey selbst hat sich dieser Auf-fassung angeschlossen, indem er am 28. Juli an Sir E. Goschen telegraphierte:Solange Aussicht auf einen direkten Meinungsaustausch zwischen Oesterreich und Russland besteht, möchte ich jeden andern Vorschlag aufheben, da ichvollkommen übereinstimme, dass der direkte Meinungsanstausch den grösstenVorzug vor allen andern Methoden verdient (Blaubuch No. 67).

Hieraus ergibt sich, wie heuchlerisch der neuerdings vom englischenMinister erhobene Vorwurf ist, Deutschland habe den Konferenzvorschlag SirEdward Greys abgelehnt, um den Krieg herbeizuführen.

Das gleiche gilt von dem Vorwurf, der deutiche Kaiser habe die vom Zarenvorgeschlagene Verweisung des Konflikts an das Haager Schiedsgericht ab-gelehnt. Der einzige Hinweis auf das Haager Schiedsgericht ist in einemTelegramm des Zaren an den deutschen Kaiser vom 29. Juli, 8 Uhr 20 Abendsin folgendem Satz enthalten:Es würde richtiger sein, das österreichisch-serbische Problem der Haager Konferenz zu übergeben."

Diese Meinungsäusserung, die in keiner Weise den Charakter eines Vor-schlags hatte, gab der Zar am Abend desselben Tages von sich, an dem er13 Armeekorps gegen Oesterreich mobilisiert hatte. Sollte der deutsche Kaiserseinem Verbündeten zumuten, mit der Unterwerfung unter dag Haager Schieds-gericht stillzuhalten, während die Truppen des Zaren bereits marschierten?Im übrigeu sind die Ereignisse, die Rnssland heraufbeschwor, über den bei-läufigen Gedanken des Haager Schiedsgerichts hinweggegangen, ohne dass esüberhaupt zu einer Stellungnahme Deutschlands gekommen wäre. Noch der30. Juli war ausgefüllt mit der Hoffnung auf eine unmittelbare Verständigungzwischen Oesterreich und Russland , und bereits die Nacht zum 31. Juli brachtemit der vom Zaune gebrochenen russischen General-Mobilmachung die Zer-störung jeder Ausgleichsmöglichkeit.