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Reden und Aufsätze aus dem Kriege / Helfferich
Entstehung
Seite
49
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Wie Cambon diese Ausführungen auffasst, ergibt sich ausseiner Antwort. Sir Edward Grey selbst drahtet hierüber an denbritischen Botschafter in Paris (Blaubuch No. 87):

"M. Cambon said tha,t I had explained tlie Situation very icleary.He understood it bo te that in a Balkan quarrel, and in a struggleforsupremacy between Teuton and Slav we should not feel called tointervene, should other issues be raised, and Germany andFrance become involved, so thiat the que'stion become oneof the hegemony of Europe, we should then decide what itwas necessary for us to do". (Herr Cambon sagte, ich habe dieLage sehr klar auseinandergesetzt. Er verstehe, dass wir keinen Be-ruf fühlten, in einem Balkanzwist oder in einem Kampf um die Vor-herrschaft von Teutonen oder Slawen zu intervenieren; wenn aberandere Ausgangspunkte entstehen und Deutschland undFrankreich hineinverwickelt werden sollten, so dass derFall zur Frage der Hegemonie über Europa werde, so wür-den wir zu entscheiden haben, was für uns zu tun nötig sei).

Herr Cambon hat Sir Edward Grey in der Tat ausgezeichnetverstanden, auch in dem, was er nicht ausgesprochen hat: das eng-lische Kabinett braucht in Rücksicht auf die öffentliche Meinungfür sein Eingreifen einen anderen Ausgangspunkt als einen serbisch-österreichisch-ungarischen oder russisch-deutschen Konflikt; füreinen solchen anderen Ausgangspunkt kann und muss gesorgt wer-den. Jedenfalls sieht England einen Konflikt, in dem auch Deutsch-land und Frankreich sich gegenüberstehen, als eine Frage der Hege-monie über Europa an, woraus sich dann die von der englischen Re-gierung formell noch zu fassenden Entschlüsse von selbst ergeben.

Der verständnisvolle Herr Cambon zögerte denn auch nicht,nachdem auf Grund dieser Unterhaltung mit Sir Edward Grey dieZusage der französischen Waffenhilfe an Russland gegeben war, fürandere Ausgangspunkte (issues) des um sich greifenden Brandes zusorgen. Er präsentierte Sir Edward Grey am folgenden Tag, 30. Juli,den Wechsel vom November 1912, begleitet von einer Notiz desPariser Auswärtigen Ministeriums über angebliche deutsche Kriegs-vorbereitungen an der deutsch -französischen Grenze,*) und mit dem

*) Diese Notiz in der Fassung, wie sie in dem englischen Blaubuch ver-öffentlicht worden ist, kann aus den oben in Anmerkung 1 dargelegten Gründennur nachträglich fabriziert sein.

H elfte rieh, Reden und Aufsätze. 4