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ihm eigenen Scharfblick sah er voraus, dass Deutschland jetztFrankreich angreifen werde, sei es in der Form einer Forderungauf Einstellung der französischen Kriegsvorbereitungen, sei es inder Form des Verlangens einer französischen Neutralitätserklärungfür den Fall eines deutsch-russischen Krieges. Beides werde Frank-reich ablehnen müssen (Blaubuch No. 105).
Ein drohender Angriff auf Frankreich und die Gefährdung deseuropäischen Friedens, die beiden Voraussetzungen, unter denenüber das Effektivwerden des für diesen Fall verabredeten Zusam-menwirkens der englischen und französischen Land- und Seestreit-kräfte alsbald Beschluss gefasst werden sollte, war also nach Auf-fassung der französischen Regierung gegeben. Die Entscheidungdes englischen Kabinetts konnte nach der am 29. Juli stattgehabtenUnterhaltung zwischen Grey und Cambon nicht mehr zweifel-haft sein .
Hai Sir Edward Grey gewusst, dass die französische Regierungnoch am 29. Juli Russland ihre unbedingte Waffenhilfe zusagte,mit der Russland entschlossen war, alle Risiken eines' Krieges aufsich zu nehmen? Wenn ja,hat er dann am 30. Juli noch mit irgend-einer Aussicht auf Erfolg an Buchanan den Auftrag telegraphierenkönnen, der russischen Regierung den neuen, aus der Unterhaltungmit dem deutschen Botschafter hervorgegangenen Vermittlungsvor-schlag dringend zu empfehlen? Wenn es Sir Edward Grey ernstdamit war, auf dieser Grundlage im letzten Augenblick noch eineEinigung herbeizuführen, und wenn er das durch die Interventiondes deutschen Kaisers erreichte Zugeständnis des Grafen ßerchtold,die Note an Serbien mit Bussland materiell zu diskutieren, aufrichtigbegrüsste, welche Gefühle musste es dann in ihm erwecken, dassdie russische Regierung über die noch vorhandenen Friedensaus-sichten und seine eigenste Anregung hinaus in der Nacht zum 31.Juli die allgemeine Mobilmachung anordnete und damit einen Kriegunvermeidlich machte, in den nach allem Vorhergegangenen auchEngland hineingezogen werden musste?
AVenn der brüske und unerhört folgenschwere Schritt Russ-lands bei Sir Edward Grey überhaupt Gefühle auslöste, dann mussman (ihm zugeben, dass er seine Gefühle zu bemeistern verstand. ImBlaubuch findet sich jedenfalls keine Spur eines solchen Gefühls,