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Die Regulierung der Elbschiffahrt 1819 - 1821 / von Martin Kriele
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II. ABSCHMITT

Absolut betrachtet, war diese Massregel wohl geeignet, inHandel und Schiffahrt einen Umschwung in der Verkehrs-richtung von Grund aus herbeizuführen. Etwas neues wardiese Handelspolitik indessen nicht.

Von jeher standen Hamburg und Stettin in sehr scharfemWettbewerb, zumal in jenen Zeiten, als noch das Getreideder fast ausschliessliche Exportartikel in diesen beiden Häfenwar. Besonders seit der Erbauung des Friedrich-Wilhelm-Kanals, des sogenannten Neuen Grabens, war der wohlbe-greifliche Neid Stettins gewachsen: Hamburg war ja durchdiesen in unmittelbare Wasserverbindung mit den Textil-industrie-Bezirken der Lausitz und Niederschlesiens getreten.Seit jener Zeit dehnte Hamburg seine direkten und indirektenHandelsbeziehungen noch weiter östlich über Schlesien hin-aus aus. Daher war der Handel Stettins immer mehr aufden Nordosten der preussischen Monarchie, welcher in seinenBedürfnissen sehr bescheiden war und sehr wenig oder garkeinen Ausfuhrhandel trieb, angewiesen worden. 119 ) Seinekaufmännischen Beziehungen zu Mecklenburg , welche nachSchmoller in schwedischer Zeit nicht ganz unbedeutend ge-wesen waren, waren bereits in dem ersten Drittel des 18.Jahrhunderts fast vollständig in die Hände Stralsunds,Lübecks und Hamburgs, vielleicht auch Wismars und Rostocks,übergegangen. 12 °)

Hamburg war stets seiner territorialen Ausdehnungnach ein kleines politisches Gemeinwesen gewesen und so-mit der dortige Kaufmannstand mehr auf sich selbst alsauf staatliche, politische Massregeln angewiesen. Daranwar der hamburgische Handel seit seiner Jugendzeit gewöhnt.Stettin dagegen war seit dem Ausgange des MittelaltersGlied eines grossen Staates gewesen, anfangs ein TeilSchwedens , später Brandenburg - Preussens. Für StettinsWohlfahrt durch staatliche Hilfsmittel zu sorgen, war da-her ganz etwas anderes, als wenn der Senat in Hamburg Handelspolitik trieb. Der hamburgische Handel musste da-her gewissermassen mehr die Qualität eines Self-made-manhaben. Aber man wäre in Hamburg , welches sowieso Jahr-hunderte lang von seinen Nachbarn mit neidischen Blicken