Druckschrift 
1 (1927)
Entstehung
Seite
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Herr von Holstein, der bei seinen näheren Be-kannten als nicht normal galt, war ein Mann von Geistund Wissen, ein Meister der Intrige. Er beherrschtedie Feder und die Akten wie kaum ein anderer. Vomgroßen Manne, dessen Sekretär er in Petersburg warund der von ihm sagte:Er sieht Dinge, die nichtsind", wurde er gebraucht und mißbraucht. Als einerder ersten verriet er den Meister, wie er vorher seinenPariser Chef, den Grafen Arnim, verraten hatte. Sei-nen Vorgesetzten wußte er zu imponieren, sie ein-zuschüchtern und völlig zu beherrschen. Die Politikwar für ihn ein Sport, ein Sport mit großem Einsatz.Daß sie auch Privatgeschäft war, hätte ich nie ge-glaubt.

Vor allem lag ihm an Macht und Einfluß. Beidesbesaß er auch nach seinem Tode.Die Lebenden wer-den von den Toten regiert." Tatsächlich leitete erunsere auswärtige Politik seit dem Sturze des großenMannes nahezu unumschränkt. Geschah ihm nichtnach Wunsch, so drohte er mit dem Rücktritt, woraufalles vor Schreck in die Knie sank, da man An-griffe oder Enthüllungen befürchtete. Gewöhnlich ge-lang es auch, ihn durch flehentlichen Zuspruch zubesänftigen. Er blieb, und mit ihm die Mißwirtschaftdes Auswärtigen Amtes. Seine Politik war sprung-haft, ohne große Ziele, launisch und widerspruchsvoll.Kaum hatte er eine Weisung gegeben, als er sieschon widerrief, namentlich wenn die Gegenseite aufseinen Vorschlag einging, weil er dann mißtrauischwurde. Er lebte in einer Welt von Wahnvorstellungen,hatte jede Fühlung mit der Wirklichkeit verlorenund gab seinen Vertrauten Vorschriften, wie sie be-richten sollten. Berichtete einer unserer Vertreteranders, als es der menschenscheue Sonderling lesenwollte, so war Holstein sein Feind. Maßregelung

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