Druckschrift 
1 (1927)
Entstehung
Seite
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oder Strafversetzung waren oft die Folge. Holsteinprotegierte nur Mittelmäßigkeiten oder solche, diesich in Abhängigkeit von ihm befanden; befähigteBeamte waren ihm unbequem. Auf diese Weise ge-langten völlig unzulängliche Persönlichkeiten auf wich-tige Posten. Alles in allem ein nationales Unglück,der eigentliche Vater des Weltkrieges! Längst hätteman ihn entfernen sollen.

Herr von Kiderlen, Schüler und Intimus Holsteins,,der wenige Jahre nach dessen Tode die Leitung un-serer auswärtigen Politik übernahm, war verschlagen,pfiffig, schlau, gerissen, nicht ohne Humor und natür-lichen Verstand, aber bösartig, gehässig, unmanierlich,ungepflegt, burschikos. Als er zur Macht gelangte,hatten ihn bereits Alkohol und wüstes Junggesellen-leben zermürbt. Aber die große Torheit des Jahres1914 hätte er nicht gemacht; dazu war er doch zuklug, wenn er auch nicht begriff, daß wir uns jederEinmischung in Balkanfragen zu enthalten hatten.

Ich habe niemals und nirgends behauptet, daß un-sereStaatsmänner im Juli 1914 den Weltkrieg ge-wollt haben, soweit sie überhaupt wußten, was siewollten, sondern nachzuweisen versucht, daß derWeltkrieg die letzte Folge einer falsch orientiertenPolitik war und daß, wenn man von einer Krise zuranderen taumelt, der Augenblick unfehlbar eintritt,an dem die Sacheschief" geht, selbst wenn manes anders wollte. Ich habe in meiner bekanntenDenkschrift, die zu meinem lebhaften Bedauern nochwährend des Krieges herauskam, die aber, wie ich oftfeststellen konnte, mehr verurteilt als gelesen wird,unseren damaligenStaatsmännern nicht Kriegs-willen, sondern Leichtfertigkeit, Verblendung und Un-zulänglichkeit vorgeworfen. In meiner Eingabe an dasHerrenhaus vom Jahre 1918 habe ich nachgewiesen,

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