dorff (russischer Botschafter in London ), der allerdingszu bedauern schien, daß es an einer wirklich intimerenFühlung zwischen Berlin und St. Petersburg fehle.
Der Herr Reichskanzler erwiderte, er könne meineoptimistische Auffassung nicht teilen. Die russischenRüstungen, über die der Generalstab ausführlich be-richtet habe, nähmen einen für uns beunruhigendenUmfang an. 900 000 Mann Vermehrung wären vor-gesehen. Dazu kämen die Bahnbauten nach unsererGrenze. Schließlich wolle er mir noch vertraulichmitteilen, daß nach geheimen und zuverlässigen Mel-dungen ein Marineabkommen zwischen Rußland undEngland im Gange sei, demzufolge, im Falle einesKrieges, mit Hilfe englischer Frachtdampfer russischeTruppen an der Küste Pommerns landen sollten.
Ich entgegnete, daß ich seit etwa 30 Jahren vonden bedrohenden Rüstungen Rußlands höre, daß esimmer geheißen habe, Rußland werde zu einem be-stimmten Zeitpunkt fertig sein und uns alsdann er-drücken, daß, wenn aber dieser Zeitpunkt heran-komme, Rußland ebensowenig fertig sei wie zuvor.Schon zur Zeit des Fürsten Bismarck habe derGeneralstab und namentlich Graf Waldersee auf denprophylaktischen Krieg hingearbeitet. Fürst Bismarck aber sei diesem Gedanken stets abhold gewesen, unddie Erfahrung habe ihm recht gegeben. Was aber dieenglischen Verabredungen beträfe, so wolle ich nichtermangeln, nach meiner Rückkehr in London in ver-traulicher Form zu warnen, da solche Verabredungen,wenn auch nicht der Form, so doch vielleicht demWesen nach mit den wiederholten feierlichen Ver-sicherungen der englischen Minister nicht überein-stimmten, daß England keine geheimen Verpflichtungenmit fremden Mächten eingegangen sei. Der HerrReichskanzler beauftragte mich, Sir Edward Grey zu