Druckschrift 
1 (1927)
Entstehung
Seite
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einer drohenden Kriegsgefahr das Zusammenwirkenbeider Regierungen zum Zwecke des gegenseitigenSchutzes ins Auge faßte. Als Grundlage sollten dieVerabredungen dienen, die ohne bindenden Charaktervon Zeit zu Zeit zwischen den beiderseitigen Militär-und Marinestäben stattfanden. Es war kein Bündnis,wohl aber eine Vereinbarung defensiven Charak-ters, für den Fall eines Angriffs, ohne eigentliche Ver-pflichtungen. Unsere anti-englische Haltung währenddes Burenkrieges, die lebhaften Sympathien des deut-schen Volkes für die stammverwandten Kolonisten imfernen Südafrika, die bekannte Rede und die Haltungdes Grafen Bülow gegen Mr. Chamberlain, dessen An-näherungsversuche auf keinen fruchtbaren Boden ge-fallen waren, namentlich aber unsere Flottenpolitikhatten in England zu einer wachsenden Mißstimmunggeführt. Hierzu gesellten sich persönliche Neigungenund Abneigungen König Eduards, der aus seiner Vor-liebe für französisches Wesen kein Hehl machte. Aufdieser Grundlage gedieh der Wunsch einer Annähe-rung an Frankreich, das sich von uns bedroht glaubte,und so kam das Marokko-Ägypten- Abkommen zu-stande, das die Grundlage zu der späteren Triple-Entente bildete. Leider hat unsere Haltung währendder ganzen Marokkofrage zwischen Zustimmung undDrohung geschwankt, und sie ließ nicht klar ersehen,welchem Ziele wir zustrebten, ob dem Kriege oderkolonialer Ausbreitung auf Grund friedlicher Verein-barung. Die Haltung, die wir 1905 und 1911 gegenFrankreich einnahmen, hat zweifellos zu einer Ver-tiefung der Annäherung der befreundeten Staaten ge-führt und der gegen uns in England namentlich wegender Flottenfrage bestehenden Mißstimmung weitereNahrung gegeben, da England im Interesse des euro-päischen Gleichgewichts und seiner Unabhängigkeit

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