Druckschrift 
1 (1927)
Entstehung
Seite
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der erste Balkankrieg mit dem Siege der Verbündetenüber die Türkei eigentlich schon geendet, und dieRegelung der türkischen Erbschaft ließ das Gespensteines europäischen Krieges auftauchen.

Einige Zeit nach meiner Ankunft erschien der mitSir E. Grey eng befreundete Lord Haldane bei mirund sagte mir etwa folgendes: England wolle Friedenund Freundschaft mit uns, und man hoffe, daß es mitmeiner Hilfe gelingen werde, die Beziehungen zu be-festigen und alle Mißverständnisse zu beseitigen. Aberauf einen wichtigen Punkt wolle er mich gleich hin-weisen: England könne niemals die Zertrümmerungoder Schwächung Frankreichs zulassen. Das sei fürGroßbritannien eine Lebensfrage. Es müsse Frank-reich schützen, wie wir etwa Österreich . Die Grund-lage jeder Verständigung mit uns müsse demnach einevollkommen zweifelsfreie Friedenspolitik sein, dadurch Frankreich auch England in einen europäischenKrieg hineingezogen werden würde. Uns aber wolleEngland ebensowenig angreifen, wie etwa den franzö-sischen Revanchegedanken fördern.

In diesem Sinne haben sich während meines Lon-doner Aufenthaltes viele maßgebende Persönlichkeitengegen mich ausgesprochen. Ich habe wiederholtschriftlich und mündlich auf diesen wichtigen Punkthingewiesen und stets betont, daß wir im Falle einesAngriffs auf Frankreich mit der britischen Gegner-schaft würden rechnen müssen.

Es konnte also hierüber kein Zweifel bestehen, undes ist daher unverständlich, daß der Herr Reichs-kanzler trotz der wiederholten Warnungen Sir EdwardGreys und meiner mündlichen und schriftlichen Be-richterstattung von der britischen Kriegserklärung soüberrascht war.

Dieselbe Auffassung über das Wesen der britischen

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