Gründe, weshalb gerade ein ausländischer Dichter einederartige Anziehungskraft ausüben konnte, sindmannigfacher Art. Sie lagen zunächst wohl in der Tat-sache, daß dieser größte britische Dichter nachunserem Empfinden schon beinahe ein Deutscher ge-worden ist und daß keines ausländischen DichtersWerke so tief in die deutsche Volksseele eingedrungensind, wie die seinen. Heine sagt: „Das einzige, was dieDeutschen dem Shakespeare nicht verzeihen können,ist, daß er nicht vorzog, in Deutschland geboren zusein." Dann aber besaß dieser Dichter für uns eine be-sonders politische Anziehungskraft durch seinen aus-gesprochenen Patriotismus und nationalen Gemein-sinn. Außerdem aber kam ihm zustatten, daß Eng-land von jeher als das Land der politischen Freiheitgegolten hat und daß von hier aus verfassungsmäßigeEinrichtungen und die Grundlagen bürgerlicher Rechteihren Siegeslauf durch ganz Europa genommen haben.So ist Shakespeare für uns zu einem politischen Dich-ter geworden, den wir gleich Goethe und Schiller alsden Unsrigen betrachten.
Meine Herren, ich will Ihnen nochmals danken fürdie große Ehre, die Sie mir erwiesen und für denschönen Abend, den ich heute in Ihrer Mitte ver-bringen durfte und der in mir das Gefühl erweckenkönnte, daß ich mich in Heidelberg oder Göttingen be-fände. Ich bitte Sie, mit mir auf das Wohl der altenberühmten Universität Oxford sowie der beiden Ver-eine zu trinken, bei denen wir zu Gaste sind und aufderen ferneres erfolgreiches Wirken im Sinne derbritisch-deutschen Geistesverbrüderung. “
Jeder wirkliche Kenner britischer Verhältnisseweiß, welche Rolle „public dinners" spielen, mit ihrenunvermeidlichen „after-dinner-speeches". Es ist dieeinzige Art, mit der breiten Öffentlichkeit in Verbindung
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