Druckschrift 
1 (1927)
Entstehung
Seite
96
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Es bleibt das Verdienst des Herrn v. Kiderlen, derals Staatsmann sonst überschätzt wird, daß er diemarokkanische Erbschaft liquidierte und sich mit Tat-sachen abfand, an denen nichts mehr zu ändern war.Ob freilich die Welt durch den Coup von Agadir er-schreckt werden mußte, lasse ich dahingestellt. InDeutschland wurde das Ereignis lebhaft begrüßt, inEngland aber hatte es um so mehr beunruhigt, als dieRegierung durch drei Wochen vergeblich auf Auf-klärung über unsere Absichten wartete. Die RedeMr. Lloyd Georges, die uns warnen sollte, war dieFolge. Vor dem Sturze M. Delcasses und vorAlgeciraswären Hafen und Gebiet an der Westküste zu habengewesen, nachher aber nicht mehr.

Sir Ed. Greys Programm

Als ich nach London kam im November 1912, hatteman sich über Marokko beruhigt, da inzwischen inBerlin eine Vereinbarung mit Frankreich erfolgt war.Die Mission Haldane war zwar gescheitert, da wir dieZusage der Neutralität verlangten, statt uns mit einemVertrage zu begnügen, der uns vor britischen An-griffen und vor Angriffen mit britischer Unterstützungsichern sollte. Sir Ed. Grey aber hatte den Gedanken,mit uns zu einer Verständigung zu gelangen, nicht auf-gegeben und versuchte es zunächst auf kolonialen undwirtschaftlichen Gebieten. Durch Vermittlung des be-fähigten und geschäftskundigen Botschaftsrats v. Kühl-mann waren Besprechungen über eine Erneuerung desportugiesischen Kolonialvertrages und über Meso-potamien (Bagdadbahn ) im Gange, die das unaus-gesprochene Ziel verfolgten, sowohl die genanntenKolonien wie Klein-Asien in Interessensphären zuteilen.