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1 (1927)
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bürgerlicher Kandidaten erfolgt. Daß unsere meistenDiplomaten ein Adelsprädikat führen, hängt aber da-mit zusammen, daß die gesellschaftlichen und finan-ziellen Voraussetzungen der auswärtigen Vertretungdie Auswahl auf den Kreis der Optimaten beschränkt.

Ich bin in früheren Zeiten mehrere Jahre Personal-dezernent für unsere Diplomatie gewesen, hatte alssolcher die Annahme der Anwärter zu bearbeitenund glaube, sagen zu können, daß es nicht so leichtist, wie man glaubt, Kandidaten zu finden, die allenAnforderungen gerecht werden. Nach dem Stammbaumhabe ich nicht gefragt, auch nicht nach dem Vermögen;ganz Unbemittelte meldeten sich nicht. Manche derjungen Herren hatten damals ein sehr bescheidenesEinkommen und es wurde niemand zurückgewiesen,weil an den vorschriftsmäßigen 6000 Mark etwasfehlte. Aber ich sah nach der Tür: Wie kommt erherein? Dann wußte ich ungefähr Bescheid. Aus derfolgenden Unterhaltung ergab sich auch bald, wesGeistes Kind er war.

Die juristische Vorbildung bildet ohne Zweifel diebeste Grundlage für den diplomatischen Nachwuchs,doch kommt es im allgemeinen weniger auf das Examenan als auf den Menschen. Handelspolitische Kennt-nisse sind nützlich, wenn auch nicht unbedingt nötig,da die Konsulate und Generalkonsulate auf diesemGebiete in der Regel alles Erforderliche leisten undbei besonderen Anlässen, wie bei Handelsvertrags-verhandlungen, besondere Vertreter der Zentral-behörde erscheinen. Die meisten überseeischen Posten,wo der Handel die wichtigste Rolle spielt, da wirnicht immer das Glück haben, in den dortigen Prä-sidenten wertvolle Bundesgenossen zu finden, sindüberdies gewöhnlich von ehemaligen Generalkonsulnbesetzt, die in die Diplomatie übertreten.

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