Auch ehemalige Offiziere können ausnahmsweisesich zu guten Diplomaten entwickeln auch ohne aka-demische Bildung, vorausgesetzt natürlich, daß sie Be-gabung und Eifer besitzen. Ältere Militärs aber eignensich wohl nur in seltenen Fällen zum Sprung auf einenhöheren diplomatischen Posten; es fehlt ihnen oft dienötige Skepsis, die man sich im Auslande erwirbt, dieFähigkeit, Menschen und Dinge nicht nach einemSchema zu betrachten, die Vielseitigkeit der meistenpolitischen Fragen und Probleme zu sehen unddie „standesgemäße" Begriffswelt ganz zu unter-drücken.
Ein Rezept für die Herstellung einwandfreier Diplo-maten gibt es nicht und kann es nicht geben. Früherwurde das entscheidende Gewicht auf Beherrschungder französischen Sprache gelegt und Bismarck er-zählt, er habe manche unter unseren älteren Gesandtengekannt, „die ohne Verständnis für Politik lediglichdurch Sicherheit im Französischen in die höchstenStellen aufrückten“. Nun, heute denken wir andersund unterschätzen vielleicht die Bedeutung diesesHilfmittels, das fremde, zum Beispiel österreichischeund russische Diplomaten meist besser beherrschenals die unseren.
Wissenschaftliche Bildung? Sie ist zweifelloswünschenswert, schon weil ein ungebildeter Diplomatsich Blößen gibt und komisch wirkt. Ich habe aberunter den älteren Herren nicht nur bei uns Männergekannt, die nach heutigen Begriffen wenig unter-richtet waren, aber durch Takt und Erfahrung, starkePersönlichkeit, soziale Stellung und natürliche Be-gabung erheblichen Einfluß besaßen. Man kann einbedeutender Jurist und Volkswirt sein und alles Er-denkliche wissen, ohne Überblick und Geschick zubesitzen und sich zum Diplomaten zu eignen oder gar
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