Druckschrift 
1 (1927)
Entstehung
Seite
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Berlin und Paris; nur einen Bundesgenossen hatte ich,einen mächtigen, im Herzen jenes edlen Monarchen,welcher auf dem siebenten Teil der Erdoberfläche un-umschränkt gebot. Seine Pietät für das Andenkenseiner Mutter, die Erinnerung an seine Kindheit undJugend, die so innig mit preußischen Dingen verknüpftwaren, und sein bewundernswertes Verständnis fürdie Tugenden unseres Heeres erwiesen sich stärkerals alle feindlichen Einflüsterungen und wie die wohl-begründeten Mahnungen politischer Ratgeber.

Mit dem im Jahre 1867 eingetretenen Gesandten-wechsel, wobei Graf Roedern von Prinz Reuß abgelöstwurde, hörte die anormale politische Rolle des Ver-fassers auf.

Von 1869 bis 1876 war Schweinitz Gesandterbeziehungsweise Botschafter in Wien .Zuerst ward ihm ein überaus kühler Empfang zuteil,da bei Hof und in der Gesellschaft das Jahr 1866 nochzu frisch in der Erinnerung stand. Noch über das un-selige Bündnis hinaus dauerte bekanntlich die Ab-neigung der leitenden Wiener Kreise gegen allesPreußische", der freilich andererseits die in bürger-lichen Kreisen heimische, nationale, auf Annäherungund sogar auf Anschluß gerichtete Bewegung allmäh-lich entgegen wuchs. Erst unter Wilhelm II. , der sicheiner gewissen Beliebtheit in Wien erfreute, wurdenHof und Gesellschaft uns freundlicher gestimmt.

Als der Krieg mit Frankreich unvermeidlich wurde,erklärte Graf Beust, daß Österreich neutral bleibenwolle. Schweinitz hatte aber guten Grund, an derAufrichtigkeit dieser Äußerung zu zweifeln. Erst alsBeust sich davon überzeugt hatte, daß Graf Bray,der bayrische Ministerpräsident, und die übrigen Süd-deutschen nicht gegen Preußen Stellung nehmenwürden, war die Gefahr einer sofortigen Unter-

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