Am 18. April 1876 sagte Herr v. Giers, genauwie 1914 Herr Sasonow : ,,Nous n'avons pas deProgramme, si ce n'est paix, mais nous ne pouvonspas laisser ecraser la Serbie.“
Immer weiter tritt das Bestreben hervor — auchauf russischer Seite — möglichst im bisherigen Nichts-tun zu verbleiben, unbequeme Situationen zu ver-meiden und den ,,status quo“ im Orient zu erhalten.
Die bosnischen Unruhen im Jahre 1876 und dieHaltung Serbiens und Montenegros bereiteten denMächten arge Verlegenheiten. Sie spielten Vogel-Strauß-Politik und sahen nicht, daß die Unabhängig-keit und Einigkeit der Balkanvölker sich nicht ver-hindern, höchstens hinausschieben ließ. Hätten wirschon damals den Russen freie Hand gelassen, auchÖsterreich gegenüber, statt letzteres immer zu unter-stützen und zu schützen, und unser völliges Desinter-essement erklärt, so konnte es niemals einen Welt-krieggeben! Hierzu berichtet Schweinitz: „Gegen unsfing man schon damals an, etwas mißtrauisch zu wer-den; in einem bemerkenswerten Artikel vom 3. Junisagte die russische „St. Petersburger Zeitung": „Ausden Berliner Verhandlungen ist zu ersehen, daß FürstBismarck lange nicht so nachgiebig ist in bezug auf dieWünsche und Bestrebungen Rußlands, als wir zu er-warten berechtigt waren. Im Gegenteil, der deutscheReichskanzler hat sich in vieler Beziehung mehr aufdie Seite Österreichs gestellt, und infolgedessenhat das ursprüngliche Programm des Fürsten Gor-tschakow einige wesentliche Veränderungen erfahren."
Unter dem Druck dieser Verhältnisse und um freieHand gegen die Türkei zu gewinnen, beging dannGortschakow den verhängnisvollen Fehler der Reich-stadter Abmachungen, die den Österreichern als Kom-pensation den Erwerb Bosniens in Aussicht stellten.
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