mehr. Bei jeder orientalischen Frage ant-wortete man in Berlin , man müsse sich erstin Wien erkundigen!
Zu Kaisers Geburtstag am 22, März hielt Schweinitz,erregt durch die übellaunige Politik seiner Regierung,„welche dem Kaiser Alexander die ehrlich gemeinteAusführung des Berliner Vertrags erschwerte unddie Absicht, ihn so zu reizen, daß er sichins Unrecht setze, wohl durchschauend", eineRede, welche dieses unverhüllt aussprach. Man kannden Mut und den Charakter dieses Mannes nicht genugbewundern!
Interessant ist auch, was Schweinitz über dieinneren Zustände sagt: „Die Ansicht, daß es in Ruß-land nicht mehr lange so fortgehen kann, wie es jetztgeht, gewinnt im In- und Ausland immer mehr Boden.Die Selbstherrschaft, sagt man, passe nicht mehr fürdie Zeit, man irrt hierin; mehr als je ist sie geradejetzt geboten, aber sie existiert nicht mehr; sie ist zurSelbsterhaltung abgeschwächt. Mit dem zunehmendenMarasmus der Staatsgewalt wächst die Dreistigkeitder nihilistischen Sekte und die Unzufriedenheit allerGebildeten; die große Masse des Volkes bleibt nochunbewegt. Sieht man ab von diesen noch nicht inBewegung geratenen neun Zehnteln der Bevölkerung,so darf man behaupten, daß der Rest, also die Mehr-zahl der Besitzenden, Lesenden und Denkenden, jetztvon der Notwendigkeit überzeugt ist, daß die Re-gierung durch die Heranziehung anderer Kräfte neubelebt und gestärkt werde. „Es muß wohl weit ge-kommen sein", sagte General Trepow unlängst zueinem Bekannten, „wenn Schuwalow und ich ver-fassungsmäßige Zustände herbeiwünschen." Ent-schiedene Gegner solcher Reformen dürften imAugenblick nur diejenigen sein, welche von den Süßig-
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