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1 (1927)
Entstehung
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wirren, die Herzen krank machen und die Jugend un-lustig, untätig, pessimistisch stimmen; denn, wie soviele seiner Zeitgenossen, schildert er mit Vorliebeund raffiniertem Scharfsinn die Leiden und Ver-brechen, ohne den Weg zur Sühne, zur Versöhnungund Erlösung zu zeigen. Solch ein struppiger, kon-fuser, schwarz auf grau malender Märtyrer war aberbesonders geeignet, um in der jetzigen russischen Ge-sellschaft gefeiert zu werden, und dies war auchwährend der letzten Jahre der Fall; dennoch hätteniemand erwarten können, daß man solches Aufhebenvon ihm machen würde, wie jetzt bei seinem Leichen-begängnis geschah. Gegen hundert Deputationennahmen an dem Trauerzuge teil; daß eine große Volks-menge sich anschloß, ist natürlich, und ebenso natür-lich ist, daß das Volk nicht wußte, um wen es sichhandelte? Ein Muschik fragte, wer denn da begrabenwerde?Ein Zivilgeneral, anwortete ihm ein anderer,ein alter Schulmeister", sagte ein dritter. Darin abersind die Augenzeugen einig, daß mehr Volk und mehrOrdnung bei diesem Begräbnis war, als bei dem derKaiserin, und hierin, in der Ordnung, erblicken er-fahrene Männer das Neue, das Bezeichnende, das Be-drohliche dieser Manifestation.

Man sieht, daß selbst ein so bedeutender undhochgebildeter Mann wie Schweinitz sich bei seinenUrteilen über zeitgenössische Erscheinungen, die imWiderspruch zu seiner politischen Einstellung undzu seiner literarischen Geschmacksrichtung standen,von Traditionen beeinflussen ließ. Man muß unwill-kürlich an das Urteil Friedrichs II. über Goethedenken.

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