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1 (1927)
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IV

BOTSCHAFTER IN PETERSBURG. MIT RUSSLAND ODER MIT ÖSTERREICH

B is zum Tode Alexanders II. *) hatten immer nochVerhandlungen über eine Erneuerung des Drei-Kaiser-Bundes stattgefunden. Man wollte noch nichtbegreifen, daß die Orientinteressen Rußlands undÖsterreichs unvereinbar waren, und klammerte sichan das Ideal der konservativ-monarchistischen Soli-darität. Schweinitz schreibt hierüber nach dem Todedes Zaren:Ich konnte mir aber doch nicht verhehlen,daß diese wichtige Sache sowohl in Wien als auchhier mattherzig betrieben wird. Wederdort nochhier wünscht man aufrichtig eine bin-dende Verständigung, welche man über-dies für unmöglich hält, sowohl dasWiener als auch das Petersburger Kabi-nett wirbt um unsere Gunst, auf Kostendes Dritten. Alexander III. bleibt vorläufig nochauf der von seinem Vater vorgezeichneten Linie; erhat aber neulich schon gesagt:Bedeutet dies allesnicht, daß eine Verständigung mit diesemÖsterreich überhaupt unmöglich ist?"

Es scheint heute geradezu unfaßlich, daß ein Mannwie Bismarck nicht den Anachronismus des Habs-burger Reiches einsah und die Unmöglichkeit, mit ihmund mit Rußland zusammenzugehen. Man wird mirentgegnen, daß auch das zaristische Rußland einAnachronismus war! Gewiß, nur gab es dort eine durcheine allmächtige Bureaukratie vertretene nationaleund kirchliche Idee, die das gewaltige Reich be-herrschte, und die es zu einem weit mächtigerenpolitischen Faktor machte, als die brüchige Donau-

*) Am 13. März 1881.

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