Druckschrift 
1 (1927)
Entstehung
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ein tiefwurzelndes Mißtrauen gegen die österreichisch-ungarische Politik und eine geringe Meinung von derWiderstandsfähigkeit des Wiener Kabinetts gegen un-garische und polnische Bestrebungen. Der Kriegs-minister und die Generale Dragomirow und Gurkokennen diese Auffassung des Monarchen und be-stärken ihn in derselben; neue Geldforderungen fürAugmentationen, Dislokationen, Befestigungen, Bahn-und Straßenbauten werden Seiner Majestät gegen-über mit dem fast zum Axiom gewordenen Satze moti-viert, daß Österreich-Ungarn, Deutschlands sicher,Rußland angreifen wolle. Die wiederholten, nurungern eingestellten Bemühungen desHerrn v. Giers,etwas Schriftliches" zuhaben,nur ein paar Zeilen", wodurchRuß-land gegen einen solchen Angriff ge-sichert würde, erklären sich aus dieservorgefaßten Meinung, Durch unsere Ab-weisung der uns gestellten Zumutungwurde man in jenem Wahne bestärkt undzum Anschluß an Frankreich bestimmt.Herr v. Giers geht in seinem Mißtrauen nicht so weitwie der Zar und in seinen Besorgnissen nicht so weit,wie die Generale; er ist aber nicht stark genug, umihren Verdächtigungen der Wiener Politik Schrankenzu setzen, und gerade hierzu bedurfte er so dringendderpaar Zeilen.

Am Ende seiner hochbedeutenden Denkwürdig-keiten, die mit seinem im Jahre 1892 erfolgten Rück-tritt aufhören, betont Schweinitz, daß er viele Beweisedafür erhalten habe, daß man in höchsten KreisenAngriffspläne bei uns vermutet.So unbegründet diesesrussische Mißtrauen gegen uns und Österreich auchsein mag, so ist es doch nicht als zur Schau getragen,sondern als aufrichtig zu bezeichnen; durch den Ton,

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