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1 (1927)
Entstehung
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der russischen als auch der österreichischen. Es seidaher schwer berechenbar, was sie in dem bestehen-den Streitfall mit Österreich beschließen würden.Glücklicherweise seien die Beziehungen zwischen Sa -sonow und Graf Berchtold, wie ersterer dem GrafenBenckendorff hier versichert hat, ausgezeichnet undvertrauensvoll, was für die friedliche Beilegung allerstreitigen Fragen sehr ins Gewicht fiele.

Wenn noch Verhältnisse herrschten wie zur ZeitAehrenthal-Iswolsky, so würde die Lage viel bedenk-licher sein. Wenn Österreich sich der Besetzung desSandschak widersetzt hätte, so würde die Peters-burger Regierung dem Drang der öffentlichen Meinungkaum haben Widerstand leisten können. Wegen Alba-niens aber, das nach übereinstimmender Meinungaller Großmächte selbständig werden solle, werdeniemand Krieg führen wollen. Auch die hiesige Regie-rung wolle absolut keinen Krieg und habe die öster-reichischen Wünsche in Belgrad unterstützt, weil siewußte, daß eine andere Haltung die Kriegsgefahrnicht unwesentlich hätte verschärfen können.

Schließlich meinte noch Graf Benckendorff, daßder gewöhnlich gut unterrichtete bulgarische Ge-sandte sich dahin geäußert, daß seine Regierung zwarKonstantinopel nicht behalten und nicht einmal ein-nehmen wolle, da sie der Ansicht sei, daß Bulgarien es nichtverdauen" könne, beziehungsweise die Fol-gen einer Besetzung, Blutvergießen, kirchliche (schis-matische) Schwierigkeiten usw. fürchtete, daß aberdas siegreiche Heer, wenn es nicht bald gelänge,zwischen Türkei und Bulgarien ein direktes Einver-nehmen herzustellen, ein ganz unberechenbarer Fak-tor sei und unter Umständen der bulgarischen Regie-rung seinen Willen aufnötigen würde.

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