AN DAS AUSWÄRTIGE AMT
B ei Gelegenheit der gestrigen Audienz, die mir inWindsor gewährt wurde, um mein Beglaubigungs-schreiben zu überreichen, hatte ich nach dem darauf-folgenden Mahle eine längere Unterredung mit SirEd. Grey . Er schien weniger zuversichtlich hinsicht-lich der auswärtigen Lage als bei meiner ersten Be-sprechung, die Behandlung der beiden österreichi-schen Konsuln durch die Serben hatte auf ihn einenunangenehmen Eindruck gemacht, und er schien wei-tere Schwierigkeiten zu befürchten. Er meinte, Öster-reich-Ungarn sei vollkommen berechtigt, dafür Ge-nugtuung zu verlangen.
Er fürchtete aber, daß, falls es zu einem österrei-chisch-serbischen Zusammenstoß kommen sollte, dieöffentliche Meinung in Rußland die dortige Regie-rung, die sich bisher durchaus einwandfrei benommenund einen überaus scharfen Wasserstrahl nach Bel-grad gerichtet habe, mit sich fortreißen werde. Sir E.Grey verneinte, in dieser Richtung ungünstige Nach-richten aus den beteiligten Hauptstädten erhalten zuhaben, war aber sichtlich bekümmert über die Un-sicherheit der Lage. Es schien ihm vor allem daran zuliegen, einen Ausweg zu finden, der beiden Parteienannehmbar wäre, und als solchen nannte er mit einergewissen Überzeugung die Überlassung eines ganzschmalen Streifens längs der montenegrinischenGrenze bis an die Adria an die Serben.
Ich entgegnete hierauf, daß diese Lösung mir be-denklich erschiene, da es kaum anzunehmen sei, daßdie österreichische Regierung nach der entschlossenenHaltung, die sie bisher in der Frage des serbischenAdriahafens eingenommen, darauf eingehen werde,und daß sie einen Rückzug wohl auch schwer ohne
17*
259