Preisgabe ihres politischen Ansehens bewerkstelligenkönne. Die irrendentistische Bewegung in den süd-lichen slawischen Provinzen der Monarchie sei viel zubeachtenswert, als daß letztere es wünschen könne,von Serbien vollkommen umklammert zu werden.Auch bestünden in jenen Gebirgsgegenden technischeHindernisse, die es unwahrscheinlich machten, daß essich für Serbien um wirtschaftliche Interessen handelebei seinem Wunsch, zur Adria zu gelangen.
Der Minister gab dies zu, meinte aber wiederholt,daß er nicht die Abtretung ganz Nordalbaniens, wiees Serbien ursprünglich verlangte, sondern nur einenschmalen Streifen im Auge habe. Wenn Montenegroam Meer sei, so könne doch Österreich auch Serbien hinlassen.
Ich suchte ihm, so gut ich konnte, diesen Gedankenauszureden unter Hinweis auf die Tatsache, daß nichtnur die beiden anderen Genossen des Dreibunds dieDoppelmonarchie in ihrer ablehnenden Haltung unter-stützten, sondern auch bisher die britische Regierungund das Petersburger Kabinett den Standpunkt desGrafen Berchtold vollauf gewürdigt hätten.
Ich hatte bei dieser Unterredung wieder den Ein-druck, daß man hier vor allem bemüht ist, größereneuropäischen Verwickelungen vorzubeugen, und daßdieser Gesichtspunkt alle anderen Interessen bei derFrage der endgültigen Lösung des Balkanproblemszurückdrängt. Es ist der britischen Regierung imGrunde ziemlich gleichgültig, wie die Teilung der tür-kischen Beute ausfällt, wenn nur dabei kein europä-ischer Krieg entsteht, der Großbritannien zwingt,Stellung zum Streit zu nehmen. Auch wünscht manden Frieden oder wenigstens den Waffenstillstandmöglichst bald geschlossen zu sehen und ist daherauch nicht einmal besonders erfreut über den jüng-
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