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1 (1927)
Entstehung
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Ehe dieses Kompromiß nicht vereinbart sei, wärees auch bedenklich, zu der von Sir Edward Grey vor-geschlagenen Botschafterkonferenz zu schreiten, dadiese dann Gefahr liefe, ergebnislos zu verlaufen. Be-vor nicht Österreich sowohl wie Rußland etwas nach-geben und Entgegenkommen gezeigt hätten, sei eszwecklos, ziisammenzutreten und über Dinge zu be-raten, über die die Botschafter sich dann doch nichtwürden verständigen können. In diesem Sinne hatMarquis Imperiali auch mit Sir E , Grey gesprochenund, wie er sagt, nach Rom berichtet, und ich ver-mute, daß seine Auffassungen sich im wesentlichenmit denen des Marquis San Giuliano decken.

Ich verfehlte nicht, meinen italienischen Kollegendarauf aufmerksam zu machen, wie wichtig es sei, daßDeutschland und Italien im Interesse des Friedens denösterreichischen Standpunkt unterstützten, um nichtdurch Uneinigkeit die Gegner zu ermutigen und da-durch die Kriegsgefahr zu erhöhen, Marquis Im-periali gab die Berechtigung dieses Standpunktes voll-kommen zu, wiederholte aber, daß es ein Irrtumsei, zu glauben, daß man in Petersburg nurbluffe. Die Lage sei äußerst ernst, und er halte denKrieg für unausbleiblich, falls Österreich nicht geneigtsei, in der Frage des serbischen Hafens etwas mehrEntgegenkommen zu zeigen. Er bat mich, in diesemSinne in Berlin zu wirken, da nur wir in der Lagewären, auf Wien einen entsprechenden Einfluß zunehmen. Die Persönlichkeit des englischen Vertretersin Wien sei nicht danach, daß die hiesige Regierungdort viel erreichen könnte, und Graf Mensdorff seizwar hier gesellschaftlich sehr beliebt, habe aberweder in Wien noch hier großen Einfluß. Auch solltenwir uns nicht darüber täuschen, daß die Stimmung inFrankreich heute eine andere sei wie noch vor drei

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