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1 (1927)
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trotzdem geführt werden, um Frankreich ,falls wir es bedrohten, zu schützen. Dennman glaubt hier, daß es nicht in der Lage wäre, sichohne britische Hilfe der deutschen Übermacht zu er-wehren.

In diesem Umstande vermag ich aber für uns eineBedrohung um so weniger zu erblicken, als bei unsnicht die Absicht besteht, gegen die Franzosen feind-lich vorzugehen, und die letzten Ereignisse gelehrthaben, daß auch bei ihnen wie in Rußland der Wunschüberwiegt, mit uns in Frieden zu leben. Der Schutz,den England den Franzosen gewährt, entspricht dochnur etwa demjenigen, den wir den Österreichern undUngarn zuteil werden lassen für den Fall eines rus-sischen Angriffs, und wir würden es auch nicht ver-stehen, wenn man in Rußland hierin eine Bedrohungerblicken wollte. Die Beurteilung, die in Paris diedeutsch -britische Annäherung der letzten Wochen ge-funden hat, und die Unruhe, die sich in Blättern wiedemTemps " zu erkennen gab, dürfte schließlich dar-auf hindeuten, daß dort eine vertrauensvolle Aus-gestaltung unseres Verhältnisses zu England als eineLockerung der Entente empfunden wird.

Lichnowsky.

AUFZEICHNUNG Berlin, 22. 12. 1912

I ch habe es mir im Verlaufe der bisherigen dreitägi-gen Botschafterbesprechungen besonders angelegensein lassen, zwischen dem österreichischen und demrussischen Standpunkt zu vermitteln und den Anscheinzu vermeiden, als ob Rußland etwa gedemütigt oderbesiegt aus den Verhandlungen hervorgehen sollte.Als daher in der ersten Sitzung Graf Benckendorff den russischen Vorschlag hinsichtlich der Autonomie

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