Druckschrift 
1 (1927)
Entstehung
Seite
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Albaniens einbrachte und hierdurch die bisherigenserbischen Wünsche nach einem Adriahafen vollkom-men preisgab, glaubte ich die russischen Vorschlägefür die Ausgestaltung des künftigen autonomen Al-baniens unterstützen zu sollen, um gewissermaßen denRussen eine goldene Brücke zu bauen. In diesem Sinnehabe ich auch versucht, auf Graf Mensdorff zu wirken.Als aber die Frage der Zulassung türkischer Truppennach Albanien und der Ernennung des Gouverneurszu Bedenken und weitläufigen Erörterungen führte,wies ich darauf hin, daß die türkische Oberhoheitdoch jedenfalls nur eine formale sein würde, da dieVoraussetzung für die Ausübung tatsächlicher Macht-befugnisse doch die Autonomie Mazedoniens seinwürde. Sei einmal Mazedonien aufgeteilt, so würdeAlbanien doch völlig losgelöst von dem übrigen Kör-per des türkischen Reichs sein, es sei also nicht wahr-scheinlich, daß die Souveränität des Sultans störendin die Erscheinung träte. Ich erwähnte dieses, umnamentlich die Bedenken meines österreichisch-unga-rischen Kollegen zu zerstreuen und den russischen Wünschen Entgegenkommen zu zeigen. Von einemAntrag meinerseits war selbstverständlich niemals dieRede, schon deshalb nicht, weil die Zukunft Maze-doniens gar nicht zu dem Programm unserer Be-sprechungen gehörte. Es scheint hier also ein Miß-verständnis bei dem durch seine Zerstreutheit be-kannten russischen Botschafter vorzuliegen, das viel-leicht damit zusammenhängt, daß in London das Ge-rücht verbreitet war, Bulgarien wünsche AutonomieMazedoniens , um dadurch die Griechen herauszuhal-ten und es später um so leichter erben zu können.

Was Skutari betrifft, so habe ich auch hier ver-sucht, vermittelnd zu wirken, und dem Grafen Mens-dorff vorgehalten, daß es sich nicht empfehlen würde,

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