AN DAS AUSWÄRTIGE AMT
S ir E. Grey sagte mir soeben, er sei nach längererÜberlegung zur Einsicht gelangt, daß die besteLösung für griechisch-albanische Schwierigkeiten inder Einsetzung einer internationalen Abordnung liege,welche an Ort und Stelle Erhebungen pflegen undRassenverhältnisse feststellen sollte.
Hierdurch könne innerhalb strittiger Zone, die vonbeiderseitig geforderter Grenzlinie eingeschlossenwerde, die gerechte Mittellinie gefunden werden. Den-selben Vorschlag, zu dem anscheinend bereits Frank-reich und Rußland Zustimmung erteilt haben, wolleer noch heute beiden Dreibundskollegen mitteilen undihn erst vor die Botschafterversammlung bringen, wenndie Annahme einigermaßen sichergestellt ist.
Ich entgegnete, daß wir griechische Empfindlich-keiten möglichst schonen wollten und daher gewißbereit sein würden, seinem Gedanken beizupflichten,falls Österreich und Italien dasselbe täten. Nachmeinem bisherigen Eindruck aber müßte ich be-fürchten, daß namentlich in Wien starke Abneigungdagegen bestehe und es wohl kaum gelingen werde,die Österreicher zum abermaligen Nachgeben zu über-reden. In Wien bestehe man auf der bedingungslosenZugehörigkeit von Koriza zu Albanien , und würdedort abermaliges Zurückweichen als Demütigung fürdie Monarchie empfunden werden. Ich sähe daherMöglichkeit der Einigung nur auf Grundlage der Über-lassung der Kutzowalachen an Griechenland und hoffe,daß hierüber schließlich noch Einigung mit Rumänien zu erzielen sein werde, da dieser Staat besondereInteressen an guten Beziehungen zu Griechenland habe. Vorläufig sei dies aber noch nicht gelungen,und da man auch in Wien sich verpflichtet fühle, fürRumäniens Wünsche einzutreten, sei ich nicht in der
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