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Reden und Aufsätze aus dem Kriege / Helfferich
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sehen Regierung (Gelbbuch No. 112). Der Vorschlag war vonOesterreich noch nicht beantwortet und auch Russland hatte nochkeine Stellung zu ihm genommen, als die allgemeine russische Mo-bilmachung erfolgte. Die Behauptung, die allgemeine russische Mobilmachung sei notwendig geworden, weil Oesterreich-Ungarn jede Intervention der Mächte ablehnte (Blaubuch No. 113), stehtalso im strikten Widerspruch zu dem aus den englischen undfranzösischen Dokumenten sich ergebenden Sachverhalt.

Viel wichtiger als die Tatsache, dass Russland die allgemeineMobilmachung ausspielte, während seiner und der Österreich -unga-rischen Regierung ein noch unerledigter englischer Vermittlungsvor-schlag vorlag, ist die am Vorabend der russischen allgemeinenMobilmachung stattgehabte direkte Unterhaltung zwischen demrussischen Botschafter in Wien, Herrn Schebeko, und dem GrafenBerchtold . Es sei daran erinnert, dass, nachdem der erste Konfe-renzvorschlag Sir Edward Greys auf Schwierigkeiten gestossenwar, Sasonoff selbst die Initiative zu direkten Verhandlungen mitOesterreich-Ungarn ergriffen Und dass diese Initiative in Wien zu-nächst eine Ablehnung gefunden hatte (Blaubuch No. 74). In derBesprechung vom 30. Juli wurden die der direkten Aussprache ent-gegenstehenden Schwierigkeiten beseitigt. Nach dem angeführtentBericht des französischen Botschafters (Gelbbuch No. 104), demder russische Botschafter, ebenso wie seinem englischen Kollegen,alsbald nach der Unterredung Mitteilung machte, haben Herr Sche-beko und der Graf Berchtold die bestehenden furchtbaren Schwie-rigkeiten geprüft mit dem gleichmässig guten Willen, beiderseitsannehmbare Lösungen zu finden (avec une egale bonne volonted'y adapter des Solutions reeiproquement acceptables"). Der russi-sche Botschafter erklärte, dass die militärischen VorbereitungenRusslands keinen anderen Zweck hätten, als die Sicherung gegendie österreichisch-ungarischen Massnahmen und die Bekundung derAbsicht und des Rechts des Zaren, bei der Regelung der serbischenFrage mitzusprechen. Graf Berchtold antwortete mit der Erklärung,dass die österreichisch-ungarischen Vorbereitungen in Galizien gleichfalls keinerlei Angriffsabsicht entsprungen seien. Von beidenSeiten war man einig, sich dahin zu bemühen, dass die Mass-nahmen nicht als feindselige Schritte interpretiert würden. DerBericht des französischen Botschafters fährt dann fort: