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Festschrift zum fünfhundertjährigen Geburtstage von Johann Gutenberg / im Auftr. d. Stadt Mainz hrsg. von Otto Hartwig
Entstehung
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ZUR EINFÜHRUNG.

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Erzkanzler lieferte, mit dem Namen des großen Frankenkönigs, der die römifche Kaifer-würde an Deutfchland brachte, in Mainz verjchiedene Reichstage hielt und in der Pfalzdes nahen Ingelheim fo gerne refidirte! Unweit hiervon lag auch der berühmte Königs-hof von Tribur , der faß zwei und ein halbes Jahrhundert lang eine Art Mittelpunkt derReichsverwaltung bildete. Und wer denkt nicht an die treue Hülfe, welche dann fpäter in[chwierigen, ja in verzweifelten Lagen der deutßhen Königsgewalt die rheinißhen Städtedem Reichsoberhaupte leißeten und damit den Grund zu ihren ßädtifchen Freiheiten undRechten, ihrer Blüthe und Macht legten? Es war wohl der Höhepunkt des mittelalterlichenKaiferthums, als Friedrich Barbaroffa zu Pfingßen 1184 die Schwertleite feiner beidenälteßen Söhne vor Mainz in glänzenden Feßen feierte. Siebenzigtaufend Ritter aus Deutjch-land, Frankreich, Burgund und Italien follen dazu gekommen fein. Aber nicht nur ritter-liche Künße gediehen hier. In den Städten der oberrheinifchen Tiefebene hat ßch zuerßein Umfchwung angebahnt und vollzogen, der zu den größten Umgeßaltungen, die unferVaterland je erfahren, geführt hat. Denn der Uebergang von der alten Naturalwirthßhaftzu der Geldwirthßhaft hat in Deutfchland von diefer durch natürliche Fruchtbarkeit unddie große Waßerßraße begünßigten, mit alten und jet 3 t freien Reichsftädten befetjtenLandfchaft aus feinen Ausgang genommen. Im dreizehnten Jahrhundert war hier eineftädtifche Cultur und ein Wohlftand erblüht, deßen Zeugen von Stein noch heute genHimmel ragen.

Aber diefe Landfchaft behauptete ßch nicht allzulange auf diefer Höhe ihrer Entwicklung.Allzueng waren ihre Gefchicke mit denen der deutfchen Reichsgewalt verknüpft. Bei demkläglichen Verfalle, in den diefe feit dem Tode des lebten Staufers immer tiefer gerathenwar, trat auch für ße ein Rückfchlag an Macht und Anfehen ein. Die territoriale Fürßen-gewalt entwickelte ßch immer mehr zu Ungunften des Reiches und der Reichsftädte, derenlofe Vereinigungen ße niederfchlug. Ungefähr feit der Mitte des 14. Jahrhunderts ging esmit der Blüthe des Städtewefens hier abwärts. Denn faß noch verheerender als der Ver-fall der Reichsgewalt hatten in ihnen die inneren Kämpfe und Parteiftreitigkeiten gewirkt.Der alte Stadtadel, die Gefchlechter, waren faß überall den nach der Herrfchaft ßrebendenZünften erlegen oder doch fehr ftark zurückgedrängt. Endlos war der Hader, den diePfaffheit im Kampfe für ihre Privilegien mit jeder geordneten Stadtverwaltung entzündete.Dazu erneuerten ßch, durch diefe Streitigkeiten unter der Stadtbevölkerung ermuthigt,die Angriffe, welche die alte Stadtherrßhaft, die bifchöfliche Gewalt, im Bunde mit demLandadel und nicht feiten der Reichsgewalt gegen die Stadtfreiheiten erhoben und diejetjt nur zu häufig mit Niederlagen der Städte endeten. Zu den ununterbrochenen kleinenFehden mit Raubrittern und anfpruchsvollen Führern abgelohnter Söldnerfcharen kamenim 15. Jahrhunderte Kriege mit Frankreich , deffen Armagnaken die Rheinebene ebenfoheimfuchten und brandjchatjten, wie diefes im öftlichen Deutfchland einige Jahrzehntezuvor die Huffiten gethan hatten. In der erften Hälfte des 15. Jahrhunderts befanden ßchdie rheinifchen Städte finanziell fchon in der ärgßen Bedrängniß, wenn ße auch nicht fämmt-lich wie Mainz ßch kaum des Bankerottes erwehren konnten. Betrugen doch die Schuldendiefer Stadt im Jahre 1444 nach unferem Gelde beinahe 2900000 Mark bei einer Ein-wohnerzahl von kaum fechstaufend Köpfen! 2 Und dabei konnte in abfehbarer Zeit aufeine Beruhigung aller Lebensverhältniffe und auf eine gleichmäßige Steigerung derVolks-zahl innerhalb der Städte allein fchon wegen der verßhiedenen Epidemien, die damals