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Europa heimfuchten und decimirten, nicht gerechnet werden. Denn es werden von 1326bis 1400 zweiunddreißig Peßjahre gezählt und im 15. Jahrhundert gar vierzig. 3 EineStadt, wie Frankfurt a. M., welche im Jahre 1354 rund 7800 Einwohner gehabt hatte, wardaher am Schluffe des 15. Jahrhunderts auf 7600 zurückgegangen. Es kann nicht Wundernehmen, daß die Entßhließungen einer Stadtgemeinde, die von einer folchen Schuldenlaßund der ewigen Peftnoth gedrückt wurde, nach noch engherzigeren Geßchtspunkten ge-faßt und fchwächlicher ausgeführt wurden, als es bei dem Zunftregiment faß überall inbefferen Verhältniffen ßhon üblich war. Ebenfowenig, daß unter folchen Zußänden demDemagogenthum Thür und Thor geöffnet blieb.
Und doch war in der Bürgerßhaft felbß unter diefen überaus traurigen Zußänden dertapfere Muth und die Liebe zur Freiheit und Selbßßändigkeit keineswegs gebrochen. Dasbewiefen die Hunderte muthiger Mainzer Bürger, welche in der Mordnacht des 28. Ok-tobers 1462, da der Erzbifchof Adolf von Naffau mit Taufenden von Söldnern ße überfiel,zehn Stunden lang auf Leben und Tod mit der Uebermacht rangen und vierhundert Todteauf dem Platje ließen. Sie wußten freilich, was ihrer Heimath bei dem Siege diefesKirchenfürften bevorßand. Die Stadt wurde denn auch durch feine Scharen geplündert,wobei hundert und fünfzig Häufer in Flammen aufgingen und vierzigtaufend Mark anSilber und Kleinodien von der Soldateska erbeutet wurden. Die Stadt verlor damalsalle ihre Privilegien und wurde verfaffungsrechtlich auf einen Zuftand zurückgeworfen,dem ße feit drei Jahrhunderten entwachfen war. Die wiederholten Austreibungen vonHunderten von Bürgern, die nicht gut naflauißh geßnnt waren, verrathen, wie ßark derFreiheitsßnn diefer tapferen Bürgerßhaft entwickelt war. Aber was half er bei der heil-lofen Zerrüttung aller Reichsgewalten und der Zerfplitterung der gefunden Kräfte!
Und doch, trot} dieses Rückganges des Wohlßandes und des Friedens in dem großenoberrheinißhen Fruchtgarten, der Kornkammer Deutßhlands, — eines Rückganges,der übrigens nicht alle Städte gleich furchtbar betroffen hat, wie das niedergeworfeneMainz — behauptete und entwickelte ßch hier eine Cultur, die der sonst in Deutßhlandvorhandenen in den verßhiedenften Beziehungen überlegen war. Konnten ßch Städtewie Straßburg, Worms, Mainz ßhon am Ausgang des 14. Jahrhunderts an Macht undReichthum mit Ulm, Augsburg und Nürnberg nicht mehr meffen, fo verloren ßch dochin ihnen nicht die Nachwirkungen der Blüthe vorausgegangener Zeiten. Sie gingen viel-mehr in die Breite. In Folge des rafchen Wachsthumes des Wohlftandes im 13. Jahr-hundert und des Emporkommens der Zünfte im Stadtregimente im 14. hatte hier früherals fonßwo in Deutßhland eine Ausgleichung der Standesgegenfätje ßattgefunden. DerAdel mit feiner mehr internationalen Cultur ging auf die deutßhe Richtung des Bürger-thums ein, das ßch die feineren Formen der vornehmen Stände aneignete. Der geßeigerteVerkehr, Handel und Wandel, erforderten das Erlernen von Lesen und Schreiben inimmer weiteren Volksßhichten. Die Gesammtbildung nahm hiermit und unter der Ein-wirkung des aus Italien ßch nach Deutßhland verbreitenden Humanismus einen mehrweltlichen Charakter an. Liest man von Prälaten des 14. Jahrhunderts, daß ße desSchreibens unkundig gewesen seien, fo galt dagegen diefe Kunst und die des Lesensßhon damals als die unentbehrliche Grundlage der Bildung eines Bürgers. 4 Auch dasGefallen an den Hervorbringungen der Kunß verbreitete ßch in den mittleren Schichtendes Volkes immer stärker. Waren diefe nicht mehr fo großartige, wie die Münßerbauten