Druckschrift 
Festschrift zum fünfhundertjährigen Geburtstage von Johann Gutenberg / im Auftr. d. Stadt Mainz hrsg. von Otto Hartwig
Entstehung
Seite
14
Einzelbild herunterladen
 

14

OTTO HARTWIG

reiner. Wollte man dagegen durch ein entgegengefe^tes Verfahren, durch den fog. Form-(chnitt, bei dem die Buchftaben aus der Platte herausgeholt und die nicht abzudruckendenTheile derfelben vertieft werden, die Aufgabe löfen, fo war diefes noch weit umftänd-licher und zeitraubender, wenn der Abdruck dann auch beffer gelang. War es aber nichtmöglich, die Vortheile beider Arten der Vervielfältigung zu verschmelzen und die (ich(cheinbar ausfchließenden beiden Methoden in einer einzigen zu vereinigen? Man (chriebja die Buchftaben einzeln und einzelne hatte man fchon auf Pergament und Papier ab-gedruckt, mehrere Buchbinder hatten auch [chon in der erften Hälfte des 15. Jahrhundertsnachweislich einige Worte, ja Reihen, direkt auf ihre Bände als Titel u. f. w., Buchftabenach Buch(iabe oder Wort nach Wort, eingepreßt. War es nun nicht möglich, ähnlichden Text ganzer Blattfeiten fozufagen in feine Urbeftandtheile aufzulöfen und durcheinzelne metallene Typen (Stempel), an deren Köpfen die Buchftaben herausgeholtwaren, herzußellen und dann die angefchwärzten Buchftaben direkt auf das Papier oderPergament zu übertragen, d. h. abzudrucken?

Es ist unwahrfcheinlich, daß diefes nicht verfucht sein follte. Befanden fich doch imBefitje Prokop Waldvogels in Avignon fo zahlreiche derartige Lettern (formae, literaeformatae, Abecedaria) daß man kaum glauben kann, fie feien nur für Aufdrucke auf Buch-binderbände hergeflellt worden. Aber Ueberrefte von irgend welchen Druckwerken, dieauf diefe Weife entftanden find, kennen wir nicht. Größere Werke find auch wohlfchwerlich auf diefe Weife herzuftellen verfucht worden. Denn das Verfahren war doch^fehr umftändlich. Für eine einzige auf einmal gedruckte Seite eines Buches waren fürdie vermiedenen Buchßabenarten, große und kleine Typen, Doppelbuchftaben, Ab-kürzungen, Trennungszeichen u. f. w. an hundert verfchiedene Zeichen nöthig, die inMetall gravirt, zum Theil in recht vielen Exemplaren vorhanden fein mußten. War aberauch die nöthige Anzahl diefer harten Stempel mit den ausgefchnittenen Buchftaben da-rauf da, fo handelte es fich weiter darum, fie fo in Reih und Glied zu ordnen, daß derAbdruck ein guter wurde, mindeftens nicht unregelmäßiger ausfah als die zum Theil fehr(chön gefchriebenen Handfchriften. Dazu war durchaus erforderlich, daß die Stempel,auf deren Köpfen die Buchftaben gefchnitten waren, wo fie natürlich eine vermiedeneBreite von rechts nach links hatten, doch von oben nach unten ganz gleich groß fein, anihren Seitenflächen ganz glatt an(chli e f 5 en d gearbeitet und ein und diefelbe Länge habenmußten.Kegel undHöhe, wie die technifch en Ausdrücke lauten, mußten ganz gleichfein. Denn fonft wurden die abzudruckenden Buchftabenreihen nicht geradlinig, es gabZwifchenräume zwifch en den einzelnen Stempeln und ein gleichmäßiges Blattbild warunmöglich. Alle diefe Schwierigkeiten waren nur zu heben, wenn es gelang, eine einfachereHerftellung der Typen (formae) zu entdecken, welche eine abfolute Gleichheit des fog.Kegels garantirte und zugleich eine bequeme und billige Herftellung des Buchftabens andeffen Kopffeite einfchloß. Mit einem Worte, man mußte von der Herftellung der ein-zelnen Typen durch Eingraviren des Buchftabenbildes zum Guffe derfelben fortfchrehen.Und das ift mit Zuhilfenahme aller vorausgegangenen Einzelverfuche gefchehen. Es wurdean den Kopf eines harten Metallftäbchens der herzuftellende Buchftabe eingefchnitten, diefog. Patrize gebildet. 14 Diefe harten Stempel (chlug man in ein weiches Metall, in demnun das Buchftabenbild eingeprägt wurde, und die fog. Matrize entftand. In diefer ent-[tandenen Vertiefung wurde das weiche Typenmetall in einer Gießform gegoffen, welche