VORSTUFEN DER TYPOGRAPHIE.
47
ohne daß ihnen eine außergewöhnliche Abnutjung anzumerken iß, für eine Reihe vonWerken Dienße geleißet. Sie müffen mithin in Metall geßhnitten gewefen fein, und da,wie bereits bemerkt, die Drudefarbe damals eine ziemlich dünnflüfßge war, fo ließ ßch dasReinigen auch fchnell und ohne Schädigung beforgen. 24 Herr Heinrich Wallau iß ebenfallszu dem Refultat gelangt, daß diefe Initialen ausMetall waren und berichtet auf den folgendenBlättern eingehend über ihre Zufammenfetjung.
Wenn fomit alles daraufhindeutet, daß vor dem Jahre 1460 die Metallgravirung imBuchgewerbe den erften Rang einnahm und daß ße dann erß durch den (chneller undbilliger herzußellenden Holzßhnitt verdrängt wurde, fo fteht dies auch mit der Entwicke-lungsgeßhichte des Bucheinbandes fehr wohl im Einklang.
Jedes Klofter befaß neben der Schreibftube eine Werkftätte, in welcher die in den ver-fchiedenen Gewerben ausgebildeten Brüder ihre Thätigkeit entfalteten. Der wichtigßeder dort betriebenen Indußriezweige war das Goldßhmiedhandwerk, und diefem lag esauch ob, für das Einbinden der Bücher zu forgen. Koßbare Elfenbeinfchnitjereien undaus edelen Metallen hergeßellte und mit Halbedelfteinen verzierte Befchläge bildeten da-mals die Bekleidung der hölzernen Buchdeckel. Als dann die billigeren, mit Leder be-zogenen Einbände in Aufnahme kamen, wurde das Goldßhmieds-Handwerkzeug auchzur Bearbeitung des Leders verwendet. Das mefferartige Inftrument, mit dem manOrnamente in die Befchläge gravirte, diente zugleich dazu, um Contouren und Gewand-falten in das Leder zu [chneiden, während man dem Hintergründe mit der Punze einperlartiges Ausfehen (opus punctile) gab. Außerdem bediente man ßch feit dem 13. Jahr-hundert zum Preffen des Leders runder, viereckiger, rautenförmiger oder länglicherMetallftempel, in welche allerhand Verzierungen vertieft eingegraben waren, fo daß ßeauf dem Leder in Blinddruck erhaben (en relief) erfchienen; ja, in der zweiten Hälftedes 15. Jahrhunderts wurden diefe Metallftempel mit (chwarzer Farbe aufgedruckt, undden Deckel eines um 1480 angefertigten Cölner Einbandes zieren zwei große, (chwarzaufgedruckte Metallßhnitte . 25
So bildet die Geßhichte des Bucheinbandes zugleich eine Gefchichte des Metallßhnittes.Die frühen Einbände ftellen die Entwickelung desfelben in einer Zeit dar, aus welchernoch keine Abzüge auf Papier bekannt find, und die Buchdeckel des 16. und 17. Jahr-hunderts lehren uns den Metallfchnitt in einer Periode kennen, in der die Papierabdrückebereits wieder außer Mode waren. Aber noch mehr! Der Bucheinband verkörpert ingewißem Sinne felbft die Vorgeßhichte der Typographie. Nicht nur, daß ßch auf denMetallbeßhlägen zuerft vertieft gravirte, dann durch Abguß hergeßellte Reliefinfchriftenbefinden, fondern Herr Prof. Dr. Falk wird uns in den folgenden Bättern fogar Auskunftdarüber geben, daß bereits im erften Viertel des 15. Jahrhunderts Inßhriften in das Ledermit beweglichen Buchftaben eingepreßt wurden. Allerdings waren es keine Typen miterhabenem Buchftaben, wie ße Gutenberg gebrauchen konnte, fondern es handelte ßchum Punzen, auf deren Ende je ein einzelnes Buchftabenbild, vertieft wie bei einem Pet-fchaft oder Siegelring, eingegraben war, fo daß es auf dem gepreßten Leder erhaben zumVorfchein kam. Vielleicht war ein Buchbinder der Erfinder der Neuerung, vielleicht aberentlehnte man ße einem anderen Gewerbe, doch weiß felbft Paulus Paulirinus , der erßgegen die Mitte des Jahrhunderts fchrieb, nur von den Goldfehmieden und den Gürtlernzu berichten, daß ße „totum alfabetum“ unter ihrem Werkzeug befaßen . 26 Gerade diefe