Druckschrift 
Festschrift zum fünfhundertjährigen Geburtstage von Johann Gutenberg / im Auftr. d. Stadt Mainz hrsg. von Otto Hartwig
Entstehung
Seite
236
Einzelbild herunterladen
 

236

K. SCHORBACH

Dem Ausland ftand aber dasGeburtsland derTypographie nicht nach. Zwei HeidelbergerProfeßoren, Adam Wernher und Johann Herbß, verfaßten imjahre 1494 Epigramme auf denErfinderGutenberg. Ein weiteres Lobgedicht widmete ihm der elßäßißhe Humaniß JakobWimpfeling , das am Schluß einer Gedächtnißfchrift aufMarfilius von Inghen ßeht, welchein Mainz 1499 erfchienen ift. Audi die von den Cofterianern fo hochgeßhätjte Chronikder Stadt Köln vomjahre 1499, deren Bericht über die Anfänge des Buchdrucks allerdingseine wüße Compilation ift, nennt unanfechtbar als den Erfinder der Typographie denjunkerJohannGudenburch und als die Wiege der Buchdruckerkunß die Stadt Mainz . 363

Weitere literarißheZeugniße anzuführen, müffenwir uns hier verfagen undverweifenAlle, welche ausführlichere Belege fuchen, auf die Zufammenftellungen bei v. d. Linde,die noch heute gute Führerdienße leiften. 364 Die oben mitgetheilten Aeußerungen derZeitgenoffen laßen übrigens auch ßhon hinlänglich erkennen, daß alle Zeugniße desl5.Jahr-hunderts, welche die Erfindung der Buchdruckerkunft überhaupt einer beftimmtenPerfon zuerkennen, ohne Ausnahme Johann Gutenberg als den Erfinder bezeich-nen. An ihrer Glaubwürdigkeit kann um fo weniger gezweifelt werden, als fie anfchei-nend auf ganz verfchiedene Quellen zurückführen, und zudem herrßht zwißhen ihrenAngaben und den Urkunden über Gutenbergs Thätigkeit der vollfte Einklang. 365

E rft zu Beginn des 16. Jahrhunderts verfuchte man, Gutenberg den Ruhm der Er-findung, welchen die Mitwelt ihm einftimmig zufchrieb, widerrechtlich zu entreißen.Aus Familieneitelkeit, Lokalpatriotismus und Unkenntniß entftanden nach einander ver-ßchiedenartige Mythen, welche andere Männer als die wahren Erfinder der Typographiefeierten. So war es in Mainz Johann Fuft und in Straßburg Johann Mentelin , für dievon ihren Nachkommen unberechtigte Anfprüche geltend gemacht wurden. Auf dieFußfabel und den Mentelmythus folgte erß fpäter die Haarlemfche Coßerlegende, welchein der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts aufkam und durch Hadrianus Junius in dieLiteratur eingeführtwurde. Noch jünger, als dieCoßerfage, ift die unhißorißcheTraditionvon dem fogenannten Erfinder Pamfilo Caftaldi in Feltre .

Diefeund andere Erfinderfabeln wurden lange Zeit gläubig hingenommen undlößhtendas Andenken Gutenbergs faß völlig aus. Erft imjahre 1740, als man die 3. Säcularfeierder Erfindung des Buchdrucks beging, wurde die Erinnerung an den wahren Urheberder Typographie von neuem wachgerufen. Und als ßch bald darauf eine gewichtigeStimme zu Gunften der hißorißchen Wahrheit erhob, als der Göttinger Profeßorjoh. Dav. Köhler die Ehrenrettung Gutenbergs (1741) unternahm, da vollzog ßch ein Umßhwungder öffentlichen Meinung und Gutenberg fand wieder allgemeinere Anerkennung. Aberdie alten Gegner wichen nicht und neue traten auf den Plan. Andere Erfindernamenwurden aufgeßellt und neue unhißorißhe Anfprüche verfochten. Manche diefer Namenverfielen zwar fehr fchnell wieder der Vergeßenheit, einige dagegen erhielten ßch hart-näckiger und fanden immer wieder neue Anhänger, bis in unferer ZeitA. v. d. Lindes 366einßhneidende Kritik die Widerfprüche und Unwahrßheinlichkeiten der Erfindungs-mythen aufdeckte und mit den alten Irrtümern unhaltbarerTraditionen gründlich aufräumte.

Trotjdem haben nochmals drei Rivalen Gutenbergs ganz neuerdings ernßhafte Ver-theidiger gefunden. Vor allem hat der hartnäckige Cofterianer J. H. Heßels 367 das alteRüßzeug, welches den Anfpruch feiner Vaterßadt Haarlem vertheidigen foll, wieder her-