— 103 —
Dieses Bekennen zum Judentum entspricht Ludwig Loewesinnerster Überzeugung, die bei ihm getragen wird von dem Ge-fühl der Pietät für sein Elternhaus. Denn er wird am 24. Novem-ber 1837 in Heiligenstadt auf dem Eichsfeld als Sohn eines jüdi-schen Kantors und Lehrers geboren. Die Familie hat ursprüng-lich Levi geheißen. Die ganze Stadt kennt den Judenlehrer undschätzt ihn, denn, so schildert ein Jugendfreund die ElternLudwig Loewes, „sein lebhaftes Auge verriet Energie und Klug-heit, und wenn er, was häufig geschah, gesenkten Hauptes nach-denklich einherschritt und dann plötzlich mit Kopf und Armenheftig zu gestikulieren anfing, war man seines tätig schaffendenGeistes gewiß. Die Gattin des Kantors nicht minder stattlichvon Figur war eine hübsche Frau mit lebhaften, leuchtendenAugen.“ Ludwig besucht zunächst die katholische Bürgerschule,dann das Heiligenstädter Gymnasium. Aber das karge Einkom-men seines Vaters und die große Kinderschar im Kantorhaus vonfünf Söhnen und zwei Töchtern gestatten es nicht, daß der be-gabte Knabe bis zum Abiturientenexamen auf dem Gymnasiumbleibt. Nach Absolvierung der Quarta wird er bereits nach Nord-hausen geschickt, um dort in dem Kurzwarengeschäft vonMankiewicz in die Lehre zu gehen. Loewe bleibt zunächst dieserBranche treu und etabliert sich, nach Berlin gekommen, als Ein-undzwanzigjähriger mit einem Wollwarenkommissionsgeschäft.Aber seine Reisen in Deutschland und im Ausland schärfenseinen Blick für technische Neuerungen. Der Textilkaufmannwird zum Maschinenkaufmann. Eine Reparaturwerkstättefür Maschinen wird einem Unternehmen für landwirtschaftlicheApparate angegliedert, das Loewe eröffnet. Berlins Industriebefand sich seit der Mitte des Jahrhunderts in lebhaftemAnstieg. Neben der Textil- hatte sich die Maschinenindustriestark entwickelt. 1852 gab es hier schon sechsundzwanzig größereMaschinenbauanstalten. Allen voran steht das Borsigsche Unter-nehmen, das am 22. August 1858, die Feier der 1000. Lokomotivebegehen kann. Aber Ende der fünfziger und Anfang der sechzigerJahre macht die Berliner Industrie eine schwere Krisis durch,in der sie besonders unter der Konkurrenz der englischen Fabri-ken leidet.