CARL MELCHIOR
A ls Paul M. Warburg zu Beginn des Zwanzigstenjahrhundertsnach New York übersiedelt, um als Schwiegersohn JacobSchiffs endgültig in die Firma Kuhn, Loeb & Co., das führendeBankhaus der Vereinigten Staaten, als Teilhaber einzutreten,sucht die Firma M. M. Warburg & Co. in Hamburg, der erbisher als Teilhaber angehört hat, einen juristischen Berater.Ihre Geschäfte sind so kompliziert geworden, daß die Inhaberdes Hamburger Bankhauses die Mitwirkung eines Juristen fürerforderlich halten, der auch die steuerlichen Fragen, die füralle großen Firmen jetzt steigende Bedeutung gewinnen, be-arbeiten soll. Die Wahl fällt auf einen jungen Hamburger Amts-richter, den der Kunsthistoriker Ab y M. Warburg seinen Brüdernempfiehlt, auf Dr. Carl Melchior. Professor Warburg und Mel-chior waren in einem Hamburger studentischen Zirkel Freundegeworden, und der ältere Kunstgelehrte hatte an dem jüngerenJuristen Gefallen gefunden, seine schnelle Auffassung, seinenscharfen Verstand, vor allem aber auch die Kultur, die vonihm ausströmte, schätzen gelernt. Er sah mit seinem ästhetischgeschulten Blick an dem jungen Menschen Züge, die ihm eineWahlverwandtschaft zwischen dem traditionsreichen Hause derWarburgs und der alten Familie der Melchiors zu bilden schienen.Das Auge des Gelehrten, gewohnt aus den Werken der Künstlerauf die Persönlichkeit ihrer Schöpfer Schlüsse zu ziehen, hatterichtig beobachtet. In Melchior gewinnt das Haus Warburgeinen Mitarbeiter, der zu internationalem Ansehen aufsteigt.
Melchior selbst nimmt den Ruf, den er mehr dem Zufallals einer damals auffallenden Leistung verdankt, trotz großer