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Juden in der deutschen Wirtschaft / Kurt Zielenziger
Entstehung
Seite
31
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DAS HAUS ROTHSCHILD

Z u den ahnungsvollen Dingen, die den Knaben und auch wohlden Jüngling bedrängten, gehörte besonders der Zustandder Judenstadt, eigentlich die Judengasse genannt, weil sie kaumaus etwas mehr als einer einzigen Straße besteht, welche infrühen Zeiten zwischen Stadtmauer und Graben wie in einemZwinger mochte eingeklemmt worden sein. Die Enge, derSchmutz, das Gewimmel, der Akzent einer unerfreulichenSprache, alles zusammen machte den unangenehmsten Eindruck,wenn man auch nur am Tore vorbeigehend hineinsah. Es dauertelange, bis ich allein mich hineinwagte, und ich kehrte nicht leichtwieder dahin zurück, wenn ich einmal den Zudringlichkeiten sovieler etwas zu schachern unermüdet fordernder oder anbieten-der Menschen entgangen war. Es mag sein, daß der Christen-knabe, den der geheimnisvolle Zauber der Judengasse in seinenBann zog, auf seinen Erkundungsgängen zwar den hübschenJudenmädchen des öfteren seine Aufmerksamkeit erwies, daß eraber einem jüdischen Jüngling, der nur wenig älter war als erselbst, wenn er ihm begegnete, gar keine Beachtung schenkte. Fürden Knaben vom Hirschgraben waren die Juden vom Woll-graben, der das Ghetto in Frankfurt a. M. bildete, nur eineKuriosität. Zwei Männer wuchsen nebeneinander auf, deren Per-sönlichkeit so stark war, daß sie eine neue Epoche heraufführten,die aber als Nachbarskinder nichts voneinander wußten, weil sieaus zwei verschiedenen Welten kamen. Der Patriziersohn Goethe,Enkel des regierenden Bürgermeisters der reichsunmittelbarenStadt Frankfurt, nur sechs Jahre jünger als Meyer Amschel Roth-schild, Sohn eines jüdischen Wechslers.