NIKODEM CARO
M an hat das neunzehnte Jahrhundert das elektrische Zeit-alter genannt. Man könnte es auch das chemische nennen.Denn nicht so sehr die Anwendung der Dampfkraft, erst dieBezähmung des elektrischen Stromes ermöglicht die Entfaltungungeheurer Energien. Ungeahnte Kräfte werden zum Lebenerweckt und in den Dienst der Menschheit gestellt. Die Fort-schritte der chemischen Wissenschaft erschließen vollends dieMaterie dem menschlichen Auge. Geheimnisse der Natur werdenenthüllt. Seit es gelingt, aus den Stoffen immer neue hervor-zuzaubern, seit es möglich ist, durch eine rationelle Anwendungder Erkenntnisse der Wissenschaft in der Praxis, einen Stoff inden andern umzuformen, scheint wirklich der Stein der Weisengefunden zu sein. Die Verbindung der Elektrizität mit derchemischen Technologie schließt diese Entwicklung zunächstab, ja steigert sie ins Phantastische. In der Hexenküche desChemikers läßt sich die ganze Welt verwandeln. Abfälle, niemalsverwandt, achtlos beiseite geworfen, erhalten jetzt in derRetorte plötzlich ihren Wert. Aus dem Teer entstehen dievielfältigsten Farbstoffe und Heilmittel, aus den Abraumsalzendie verschiedensten Kaliprodukte. Das Prinzip der Veredelungerzwingt die fortwährende Umarbeitung aller Stoffe, die Aus-nutzung aller Nebenprodukte. Eine chemische Großindustriewächst empor und schafft Reichtümer gleichsam aus dem Nichts,wie sie die Alchimisten niemals erträumt hatten. Zu den Hoch-öfen und Kohlenzechen, zu den Spinnereien und Webereien,den Walzwerken und Maschinenfabriken gesellen sich im letztenDrittel des neunzehnten Jahrhunderts chemische Unterneh-