DAS HAUS MENDELSSOHN
I m Jahre 1743, in dem Meyer Amschel Rothschild geborenwurde, kommt Moses Mendelssohn nach Berlin. Am Rosen-thaler Tor muß der Vierzehnjährige sich melden, um den Juden-leibzoll zu entrichten. Noch gilt in Preußen das Generalregle-ment von 1730, das auch für Berlin die Zahl der Juden be-schränkt und den Zuzug Fremder erschwert. Niemand beachtetden ärmlichen Jungen, der verwachsen ist und stottert. DieWache am Tor läßt ihn passieren. Ein Jude mehr. Was küm-mert sie’s. Daß Kant einst schreiben würde: „Es gibt nur einenMendelssohn“, sollte das der Torwächter ahnen? Der jungeMann will lernen, so antwortet er dem Wächter auf seine Frage,was er in Berlin wolle. Der Sohn des Dessauer ThoraschreibersMendel folgt seinem verehrten Lehrer Rabbi David Fränkel,um in Berlin ein gelehrter Mann zu werden. Von seinem Ein-zug in Berlin nimmt niemand Notiz.
Kurz vorher aber hatten die Berliner an den Toren ihrerStadt einen festlichen Empfang veranstaltet. Ruhmgekrönt warKönig Friedrich II. als Sieger heimgekehrt. Der Dreißigjährigehatte Preußen kurz nach seinem Regierungsantritt mit einemSchlage in den Mittelpunkt der europäischen Politik gerückt,hatte durch die Eroberung Schlesiens den Weg zur Großmacht-stellung Preußens vorbereitet. Die Fetzen auf der deutschenLandkarte im Westen, im Osten und in der Mitte des Reicheswerden von Friedrich in seiner langen Regierungszeit zu einemeinheitlichen Staat gestaltet. Der preußische Nationalstaat ent-steht, vom König gewollt, von den Untertanen noch kaumgeahnt. Verwaltung, Heer und Wirtschaft, alles dient dem einen