OTTMAR STRAUSS
B eamtentum und Offizierskorps bilden im Vorkriegsdeutsch-land eine unübersteigbare Mauer. Unüberwindlich für den,der nicht der gleichen Schicht entstammt, aus der sich diesebeiden Kasten ständig rekrutieren, ihre Privilegien ebenso ängst-lich hütend, wie einst die Gilden und Zünfte. Die Söhne vonOffizieren werden Offiziere, die Nachkommen der Beamtenwieder Beamte. Bisweilen auch umgekehrt. Nur die Gutsbesitzer-schaft bildet das Reservoir, das beide Schichten ständig mit neuemZustrom speist. Der Sohn eines Ladenbesitzers kann nur schwerdie Offizierslaufbahn einschlagen. Den Juden ist der Zutritt ver-boten. Nur Richter läßt man sie allenfalls werden, auch an einigenSchulen Lehrer. Auf diesen Posten gibt es nichts zu verwalten.Zum Ordinarius an der Universität reicht die Befähigung auchbei Autoritäten von Weltruf nur in den seltensten Fällen aus. DerSproß des stolzesten jüdischen Hauses wird eher Botschafts-attache und königlicher Kammerjunker als Reserveoffizier. DieMacht des Königs, der Wille des Ministers prallen ab an dereisernen Front der Bürokratie. Als Bülow Bernhard Dernburgzum Staatssekretär des Reichskolonialamts macht, erregt dieseErnennung berechtigtes Aufsehen. Denn Dernburg ist als Bank-direktor nicht nur ein völliger Outsider, er ist auch jüdischer Ab-stammung.
Erst der Weltkrieg wirft alle geheiligten Prinzipien über denHaufen. Die neuen Aufgaben erfordern neue Männer. Der Sach-verständige zieht in die Ämter und die Ministerien ein. Wennauch nicht jeder der vielen Kriegskommissare so schnell Generalwird wie in Amerika der Advokat Charles G. Dawes, die Uniformmit Schnüren und Streifen tragen auch sie stolzer als die ältesten
17 Zielenziger