EMIL RATHENAU
A n einem schönen Sommerabend des Dreikaiserjahresherrscht Unter den Linden Berlins lebhaftes Gedränge.Aus allen Teilen der großen Stadt flutet die Menge heran.Männer und Frauen der verschiedensten Klassen, so wie sieimmer dabei sind, die Berliner, wenn es etwas Besonderes zusehen gibt. Aber erst als sich die Schatten der Nacht hernieder-senken, vollzieht sich das Wunder, auf das die Tausende warten:aus 104 Bogenlampen erstrahlt zum erstenmal elektrisches Licht.Tageshelle verbreitet sich plötzlich über dem ganzen Straßenzugvom Brandenburger Tor bis zur Spandauer Straße.
Erfassen diese vielen Menschen, die die Neugier angelockt hat,die Bedeutung dieses Moments? Sie staunen zwar über denZauber, der sich vor ihren Augen vollzieht, aber ist er ihnenzunächst mehr als eine neumodische Spielerei? Oder ergeht esihnen so, daß sie sagen können, wie Goethe einst bei der Kano-nade von Valmy: „Von hier und heute geht eine neue Epocheder Weltgeschichte aus, und ihr könnt sagen, ihr seid dabei ge-wesen.“ Erkennen sie das Geheimnis des elektrischen Funkens,der nicht nur Licht in die Ferne entsendet, sondern auch Kraft?Der eine neue Epoche heraufführt, indem er die Nacht zum Tageverwandelt und den Menschen überirdische Kräfte verleiht?
Was das Volk auf der Straße nicht überblickt, sehen es all dieMänner, die sich noch am Abend dieses denkwürdigen 31. Augustdes Jahres 1888 zu einem Bankett versammeln, um das Ereignisgebührend zu feiern ? Oder weiß nur einer die Größe des Augen-blicks zu würdigen ? Der Schöpfer des Werkes selbst: Emil Rathe-nau. Gewiß, schon seit 1882 hatte man in Berlin den Potsdamer