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Die Politik der Erfüllung / von Karl Helfferich
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Ultimatum und Rcichsfinanzeu

Monate später mußte er seine Ziffern erheblich berichtigen; nach demim Februar 1922 dem Reichstag vorgelegten 5. Nachtrag zum Reichsetatfür 1921 erhöhten sich die Ausgaben sür die eigentliche Reichs-verwaltung von 62,7 auf 91,4 Milliarden Mark, die Zu-schüsse für die Betriebsverwaltung von 18,9 auf 24 Mil-liarden^), sodaß der Gesamtbedarf des inneren Etats sichvorbehaltlich weiterer Nachtragsetats, die kaum ausbleiben werdenauf rund 115,4 Milliarden Mark stellt. Die Einnahmen wurdenallerdings jetzt infolge der Aufblähung durch die Geldentwertung auf72,7 Milliarden geschätzt. Trotzdem erhöhte sich der Fehlbetragdes inneren Etats von rund 27 auf 42,7 Milliarden Mark.

Geradezu unglaublich ist jedoch der Optimismus, mit dem derReichskanzler und Finanzwinister Dr. Wirth am 6. Juli die Wir-kungen des Ultimatums auf den Reichsetat veranschlagte. Als Aus-gaben des Rechnungsjahres 1921 für die Durchführungdes Friedensvertrages nannte er am 6. Juli 1921 deu Betragvon 26,6 Milliarden Mark. Für die ersten Jahre, in denen dasUltimatum voll in Wirksamkeit treten sollte also für die Jahrevon 1922 an werde man, so erklärte er,mit einer Papiergeld-belastung aus dem Ultimatum in Höhe von 42 Milliarden rechnenmüssen"; dazu kämen dann noch die Kosten für die Besatzung.Unter der Voraussetzung so fuhr er fort daß der Geldwertim Inneren auf der gegenwärtigen Basis eine gewisse Stabilisierungerfahren würde, und daß im Laufe der Zeit der Außenwert desGeldes an den inneren heranwächst, würden sich die Leistungen inPapiermark für 3,3 Milliarden Goldmark mit den Besatzungskostenauf etwa 4045 Milliarden stellen."

Ich habe damals in sofortiger Erwiderung der Ausführungendes Reichskanzlers dessen Ansätze für die Durchführung des Friedens-vertrages anf das schärfste kritisiert. Aber auch meine Kritik istdurch die Tatachen noch übertroffen worden. Nach dem 5. Nach-tragsetat für 192t stellen sich die Ausgaben für die Durch-führung des Friedensvertrages statt auf die vom Reichs-kanzler genannten 26,6 auf 112,5 Milliarden Mark. DerReichskanzler war bei seinen Berechnungen von der Voraussetzungeiner Besserung der deutschen Valuta ausgegangen, während derkleinste ABC-Schütze auf dem Gebiete der Volkswirtschaft unddes Geldwesens aus dem bloßen Versuch der Durchführung desUltimatums einen gewaltigen Druck auf unsere Valuta . erwartenmußte.

So erklärt es sich, daß der Reichsetat für 1921, der nach denZiffern des Herrn Wirth vom 6. Juli mit einer Gesamtausgabevon 108,2 Milliarden abschloß, nach dem Nachtragsetat vom

*) Dabei ist nicht eingerechnet ein Betrag von 16,9 Milliarden Mark, derals Abschlagszahlung an die Länder auf den Übernahmepreis für die Eisen-bahnen im 3. Nachtragsetnt figuriert.