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Die Unterwerfung unter das Ultimatum
und hatte ein aus Zentrum, Sozialdemokraten und Demokratengebildetes Kabinett zusammengestellt, in dem er selbst den Postendes Reichskanzlers, des Reichsfinanzministers und zunächst auch desMinisters der auswärtigen Angelegenheiten übernahm.
Der „Vorwärts" aber schrieb jetzt, die neue Regierung habe die„verdammte Pflicht, das Unmögliche möglich zu machen."
Der Erfüllungsversuch.
Die neue Regiernng des Herrn Dr. Wirth machte die „Erfüllung"zu ihrem Hauptprogrammpunkt. Mit einem ungewöhnlichen Aufwandgroßer Worte machte der Reichskanzler vor dem Reichstag und vorVolksversammlungen Propaganda für das „Erfüllungsprogramm." Inseiner am 1. Juui 1921 vor dem Reichstag gehaltenen Programmredeerklärte er namens des Kabinetts, nach außen und innen zeigen zu»wollen, „daß es uns ernst ist mit dem Beginn der neuen Zeit, daßwir unseren Verpflichtungen bis zum äußersten nachkommen, und durchArbeit und Leistungen Freiheit und Vaterland erkämpfen wollen."
Das Londoner Ultimatum verlangte bis zum 31. Mai 1921Zahlung einer Milliarde Goldmark, nnd zwar entweder in baroder Golddevisen oder in dreimonatlichen, auf Gold lautenden deutschenSchatzauweisungen, die von deutschen Großbanken garantiert seinmußten. Schon diese erste Leistung — darüber waren sich alleSachkenner einig —, überstieg die Kräfte der deutschen Wirtschaft.Herrn Dr. Wirth dagegen erschien sie offenbar als ein Kinderspiel. Inseiner bereits erwähnten Reichstagsrede vom I.Juui 1921 erklärte er:
„Auf finanziellem Gebiete ist die bis zum 31. Mai zu zahlendeeine Milliarde Goldmark rechtzeitig trotz der äußerst starken Inan-spruchnahme durch laufende Bedürfnisse und die anderen Ausgabendes Friedensvertrages geleistet."
Was war damals geleistet? — In Golddevisen waren bezahlt150 Millioneu Goldmark; d.h. nahezu die gauze von der Reichsbaukvon langer Hand angesammelte Devisenreserve war an das Garantie-komitee ausgehändigt worden. Für den Rest von 850 MillionenGoldmark hatte der Reichskanzler uud Reichsfinanzminister Dr. WirthReichsschatzwechsel mit Fälligkeit vom 31. August 1921 unterschrieben.Herrn vr. Wirth ist damals das Verseheu unterlaufen, daß er dasUnterschreiben von Wechseln, also die formellste Unterschrift untereinen Schuldschein, mit der Zahlung, d. h. der Tilgung einer Schuld,verwechselte. Diese Verwechslung glaubte er sich gestatten zu können;denn — so führte er weiter aus — „das Reichsfinanzministeriumhat die erforderlichen Vorbereitungen und Anordnungen getroffen,um die Einlösung innerhalb dieser Frist sicherzustellen."
Was es mit diesen „erforderlichen Vorbereitungen uud Anord-nungen" auf sich hatte, sollte die deutsche Wirtschaft zu ihremSchrecken erleben.