Der Erfnllmigsvcrsuch
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Um die 850 Millionen Goldmark für die fristgemäße Einlösungder Reichsschatzwechsel zu beschaffen, war die Reichsbank gezwungen,fortgesetzt in großem Umfang Golddevisen aufzukaufen. Wie jederSachkenner vorausgesehen hatte, reichte das Angebot von Golddevisennicht entfernt aus, um diese Nachfrage zu decken. Die notwendigeWirkung war ein starker Druck auf die deutsche Valuta. Zur Zeitder Anuahme des Ultimatums hatte der Dollar in Berlin etwa 60 -^5notiert. Nur für ganz kurze Zeit trat infolge der amtlich begünstigtenSchönfärberei ein leichter Rückgang des Dollarkurses ein. Schon nachwenigen Tagen aber begann die neue Aufwärtsbewegung.
Die Regierung versuchte zu beschwichtigen. Nach längeren Ver-handlungen mit dem Garantiekomitee, das im Jnni zur Prüfung derSachlage nach Berlin kam, wurde eine amtliche Mitteilung ausge-geben, die besagte, daß bis zum 1. Mai 1932 nur noch 300 Mil-lionen Goldmark in Gold oder Golddevisen für die Zwecke derErfüllung des Londoner Ultimatums zu beschaffen seien. Aus denausführlicheren Mitteilungen des Garantiekomitees selbst ergab sichjedoch, daß diese Berechuuug an gewisse Voraussetzungen geknüpftwar, nämlich erstens an die Voraussetzung, daß die am 31. Augustfälligen Reichsschatzwechsel bereits als gedeckt betrachtet werden könnten,während bis dahin in Wirklichkeit die Deckung für 760 MillionenGoldmark noch fehlte; zweitens an die Voraussetzung, daß alle weiterenbis zum 1. Mai 1929 fällig werdenden Ultimatumsraten, soweit sieden Betrag von 300 Millionen Goldmark überschritten, durch „Sach-leistungen" und den von England aufgrund der „rseoverbot" aufdeutsche Waren erhobenen Einfuhrzoll von 25°/° abgedeckt werdenwürden, eine Voraussetzung, an deren Verwirklichung damals schon ingar keiner Weise zu denken war.. Es handelte sich dabei um folgendeSummen: über die bis zum 31. August zu zahlenden Goldmilliardenhinaus wareu bis zum 1. Mai 1932 zu leisten am 15. Januarund 15. April 1992 je 500 Millionen Goldmark, dazu am 15. No-vember 192l und am 15. Februar 1922 je eine damals auf 330 Mil-lionen Goldmark geschätzte Quartalsrate der 26°/» unserer Jahres-ausfuhr, zusammen alfo 1,660 Millionen Goldmark. Die amtlicheBeschwichtigungsnotiz hatte also zur Voraussetzung, daß die Sach-leistungen zuzüglich des englischen Einfuhrzolls sich bis zum I.Mai 1922ans 1,360 Millionen Goldmark belaufen würden.
Dieser Berechnung bin ich schon in der Reichstagssitzung vom6. Juli 1921 mit folgenden Ausführungen entgegengetreten:
„Wo sind die Sachleistungen, die diesen Betrag abdecken könnten?Der weitaus wichtigste Punkt ist die Kohle. 2 Millionen Tonnenpro Monat sollen geliefert werden. Das macht 24 Millionen Tonnen imJahr; uud wenn ich auch einen Preis von 20 Goldmark für die Tonne,der wohl eher zu hoch als zu niedrig gegriffen ist, zugrunde lege,so würde das auf höchstens 480 Millionen oder rund 500 MillionenGoldmark hinauslaufen. Dann bleibt immer noch ein ungedeckterFehlbetrag von 860 Millionen. Ich sehe nicht, woher die Deckung