Druckschrift 
Die Politik der Erfüllung / von Karl Helfferich
Seite
33
Einzelbild herunterladen
 

Die Unterwerfung unter das Ultimatum

33

davon abhängig gemacht, daß alle anderen Parteien, auch die Deutsch-nationalen, für diese Unterwerfung und ihre Folgen die volle Mit-verantwortung übernehmen würden. Er hat die Herstellung einerEinheitsfront zur Abwehr des ungeheuren Druckes als das Gebotder Stunde bezeichnet. Diese seiue Auffassung von der Lage undder aus ihr zu ziehenden Folgerungen hat er nicht nur in demangeführten Artikel in derBreslauer Volksmacht" festgelegt, sondernanch in einer persönlichen Unterredung gegenüber dem Führer derDeutschnationalen , dem Staatsminister Hergt, entwickelt. Die Mög-lichkeit schien gegeben, daß endlich einmal alle Parteien von denDeutschnationalen bis zu den Mehrheitssozialisten sich in der ent-schlossenen Abwehr unerfüllbarer Forderungen zusammenfinden würden.

Im Reichstag schienen die Dinge, nachdem das Ultimatum über-reicht worden war, sich in der Tat in jener Richtung zu entwickeln.Die Aussprache über das Ultimatum im Auswärtigen Ausschuß ver-sstärkte den Eindruck, daß völlig Unerfüllbares verlangt werde, daßdie deutsche Unterzeichnung nutzlos die Ehre des deutschen Namensopfern und daß der Versuch der Erfüllung des Unerfüllbaren inkurzer Zeit zum Znsammenbruch führen müsse.

Im letzten Augenblick jedoch trat ein Umschwung ein. Nichtnur die Sozialdemokratie, auch das Zentrum wurde wankend.Den der Annahme des Ultimatums Widerstrebenden wurde vorgehalten,daß durch die Unterwerfung der Einmarsch in das Ruhrgebiet abgewendet und Oberschlesien dem Reiche erhalten werdenkönne, daß die Annahme des Ultimatums ein greifbarer Beweisunseres guten Willens sei, ans den man in den Ententeländernwarte, um uns gegenüber eine freundliche, verständnisvollere Haltungeinzunehmen und die im März über nns verhängtenSanktionen"rückgängig zu machen. Obwohl festgestellt wurde, daß in keinen, dieserPunkte irgendwelche konkreten und greifbaren Zusicherungen für denFall nnserer Unterwerfung vorlagen, verfehlten die also eröffnetenAussichten ihre Wirkung nicht; als es am 50. Jahrestag der Unter-zeichnung des Frankfurter Friedens im Reichstag zur Ab-stimmung über das Ultimatum kam, wurde mit 220 gegen 172 Stimmenein Antrag Müller-Franken-Trimborn angenommen, lautend:

Der Reichstag ist einverstanden, daß die Reichs-regierung die von deu alliierten Regierungen in derenNote vom 5. Mai 1921 geforderten Erklärungen abgibt."

Die Deutschnationale Volkspartei war die einzige große Fraktion,die geschlossen für die Ablehnung eintrat. Von der Deutschen Volks-partei stimmten fünf, von der Bayerischen Volkspartei zwei Abgeordnetefür die Annahme des Ultimatums. Die Demokraten waren geteilt,Zentrum, Mehrheitssozialdemokraten uud Unabhängige stimmtengeschlossen für die Annahme.

Schon vor der Abstimmung war das Kabinett Fehrenbach-Simons zurückgetreten. Der bisherige Finanzminister Dr. Wirthwar vom Reichspräsidenten mit der Kabinettsbildung betraut worden