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Ultimatum und Zahlungsbilanz
Die Verpflichtungen Deutschlands sind im Friedensvertrag vonVersailles grundsätzlich und im Londoner Ultimatum mit bestimmtenZiffern in Goldmark festgesetzt worden. Man braucht den 138 Mil-liarden Goldmark des Ultimatums nur die eine Milliarde des Gold-bestandes der deutschen Reichsbank entgegenzustellen um deutlich znmachen, daß Deutschland über das Gold in dem es zahlen soll, nichtverfügt. Deutschland kann sich das Gold oder die auf Gold lautendenZahlungsmittel zur Abtragung der Reparationsverpflichtungen nurbeschaffen, indem es wirtschaftliche Werte anderer Art an das Aus-land liefert, und zwar entweder gegen Goldzahlung oder unter direkterVerrechnung auf seine Reparationsverpflichtungen.
In der Tat sind sowohl im Versailler Diktat als im Zahlungsplandes Londoner Ultimatums Sachleistungen vorgesehen, deren Wertauf die Deutschland auferlegten Reparationszahlungen anzurechnen ist.
Die Fähigkeit der deutschen Wirtschaft zur Erfüllungder Reparationsverpflichtungen hängt also in erster Liniedavon ab, wie weit Deutschland in der Lage ist, seineWarenausfuhr über seinen Ein^uhrbeoarf hinaus zusteigern. Sie ist also bedingt von der Gestaltung der deutschen Handelsbilanz.
Schon in den Vorkriegszeiten war die deutsche Handelsbilanzregelmäßig passiv. Im Jahre 1913 hat im SpezialHandel diedeutsche Wareneinfuhr 10,8, die Warenausfuhr 10,1 Milliarden Markbetragen. Der Fehlbetrag der Handelsbilanz stellte sich also auf700 Millionen Mark. In den vorhergegangenen Jahren hatte derFehlbetrag der Handelsbilanz zeitweise den Betrag von 1^/2 MilliardenMark nicht unerheblich überschritten. Diese Fehlbeträge in der eigent-lichen Handelsbilanz wurden jedoch mehr als ausgeglichen durchverschiedene für Deutschland günstige Faktoren, vor allem durch dieZinserträgnisse und Gewinne der deutschen Kapitalanlagen und Unter-nehmungen im Ausland, die allein auf mehr als I V2 Milliarden Markjährlich zu veranschlagen waren; ferner durch die Einnahmen ausder internationalen Frachtvermittlung durch die deutsche Handels-flotte, die auf einige hundert Millionen Mark jährlich zu bemessen waren.Die deutsche Zahlungsbilanz zeigte infolgedessen einen Aktivsaldo,der uns befähigte, Jahr für Jahr nicht unerhebliche Kapitalbeträgeneu in ausländischen Werten und Unternehmungen zu investieren.
Diese Lage hat sich durch den Krieg, die Revolution und dieFriedensbedingungen völlig geändert.
Zu der Zeit als das Londoner Ultimatum der deutschen Regie-rung überreicht wurde, schätzte man die deutsche Jahreseinfuhr aufmehr als 7 Milliarden, die Ausfuhr auf etwa 5 Milliarden Gold-mark, den Passivsaldo der eigentlichen Handelsbilanz alsoauf etwa 2 Milliarden Goldmark. Die Kapitalanlagen undUnternehmungen im Ausland, die in der Vorkriegszeit einen sowichtigen Beitrag zur deutschen Zahlungsbilanz lieferten,. find ausden bereits dargestellten Gründen nahezu völlig verschwunden. Darüber