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Die Politik der Erfüllung / von Karl Helfferich
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DieErfolge" der ErMungspolitik

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ausnahmslos noch im Laufe des Jahres 1921 abzudecken waren,sah sich die Reichsbank genötigt, nach der Scheinzahlung der erstenGold Milliarde ihre Devisenankäufe in verstärktem Maße fortzusetzen.Der Devisenmarkt kam infolgedessen nicht zur Ruhe. Er gerietvielmehr in einen sich immer mehr krisenhaft zuspitzenden Zustand.Am 1. Oktober erreichte der Dollarkurs in Berlin den Stand von125-^5, also die doppelte Höhe des Standes vor der Annahme desUltimatums; die Papiermark war damit nur.noch ^/s» Goldmarkwert. DerCorriere d'Jtalia" veröffentlichte in jener Zeit eine Unter-redung seines Berliner Vertreters mit dem Reichskanzler Dr. Wirth,die unwidersprochen auch durch die deutsche Presse ging. Danach hatHerr Dr. Wirth damals ausgeführt:Es werde unmöglich sein, dienächsten Zahlungen mit derselben Leichtigkeit vorzunehmen, wiedies gelegentlich der ersten Milliarde der Fall war. Man müsse sichdaran erinnern, welchen tiefen Kurssturz die Mark infolge der Zahlungdieser ersten Goldmilliarde durchzumachen hatte; wenn Deutschland weiter in Gold zahleu müsse, so sei sein Bankerott unvermeidlich."Auch jetzt noch hielt also der Reichskanzler Dr. Wirth die Fiktionvon derLeichtigkeit" der Zahlung der ersten Milliarde Goldmarkausrecht, aber für die Zukunft begann er endlich, den bisher zurSchau getragenen Optimismus abzuwerfen.

Um die Mitte des Monats Oktober erhielt die deutsche Valutaeinen neuen schweren Schlag durch das Bekauntwerdeu der Ent-scheidung des Völkerbundrates in der oberschlesischen Frage. Inden vier Tagen vom 13. bis 17. Oktober stieg der Berliner Dollarkursvon 132 auf 185^. Es folgte eine kurze Erholung bis auf 155^am 21. Oktober, aber schon am 1. November war der Höchstkursvom 17. Oktober wieder erreicht. Und nun ging es weiter in geradezuphantastischen Sprüngen. Am 2. November wurde zum ersten Maleein Dollarkurs von 290 überschritten, am 4. November wurden249 notiert, am 7. November stieg der Dollar über den Standvon 399 hinaus, um am folgenden Tage im freien Verkehr dieHochwassermarke von 330 zu erreichen.

Erst die mit großer Bestimmtheit auftretenden Gerüchte, daß dieenglische Regierung mit Ernst und Nachdruck die Gewährung einesZahlungsaufschubs au Deutschland vertrete oder gar eine Revisiondes Londoner Zahlungsplanes durchzusetzen beabsichtige, vermochteeinige Beruhigung zu schaffen und den Berliner Dollarkurs wiederunter den Stand von 399 hinabzudrücken. Als dann diese GerüchteEnde November und Anfang Dezember festere Gestalt annahmen, kames zn einer starken Reaktion, die den Dollarkurs in kurzer Zeitwieder bis auf etwa 160 zurückwarf. Unter starken Schwankungenhat er sich inzwischen wieder bis auf etwa 250260 gehoben (AnfangMärz 1922).

Das sind Schwankungen von einer Heftigkeit, wie sie niemalserlebt worden sind, seit ein Geldverkehr zwischen den verschiedenenLändern der Erde besteht.