108 II. GESCHICHTLICHE ENTWICKLUNG DER FELDGEMEINSCHAFT.
über den Haufen zu werfen; bald sehen sie sich gezwungen, aufeinen Thcil ihrer Rechte zu Gunsten der Bauern zu verzichten.
Eine dritte Reihe wird durch die Aenderungen im Personal-bestände der Feldgemeinschaft und in der Ausdehnung desfeldgemeinschaftlichen Territoriums gebildet. Es werden durch dienatürliche Bewegung der Bevölkerung fortwährende Schwan-kungen in der Zahl der Genossen hervorgerufen. Andererseitssucht vielfach die ortsansässige, aber zum Verbände nicht ge-hörende Bevölkerung bald mit grösserem, bald mit geringeremErfolg, sich in die Gemeinschaft einzudrängen. Zuweilen hatim Gegentheil die Gemeinschaft gegen das Streben der eigenenGenossen, sich vom Verbände loszulösen, zu kämpfen, wie esz. B. vielfach in Russland der Fall ist, wenn nämlich die Ab-gaben den Bodenertrag übersteigen. Bald wird der Gemeinschaftein Theil der Gemarkung von einem mächtigen Nachbarn ent-rissen, bald eignet sie sich neue Grundstücke an durch Occupationdes freien Landes, durch Kauf oder mit Gewalt.
Schliesslich wird eine besondere Reihe von Veränderungendurch die Vorgänge gebildet, welche sich innerhalb der zusammen-gesetzten Feldgemeinschaften abspielen: bald tliun sich mehrereDorfgemeinschaften zu höheren feldgemeinschaftlichen Einheitenzusammen, bald lösen sich die zusammengesetzten Feldgemein-schaften in Verbände von geringerem Umfange und einfachererStructur auf.
Diese verschiedenen Processe schliessen sich nicht aus,sondern laufen in der Regel zu gleicher Zeit neben einanderin mannigfaltigster Wechselwirkung. Ich glaube jedoch, dasssie bei der Untersuchung der geschichtlichen Entwicklung derFeldgemeinschaft getrennt behandelt werden sollten; nur so kannman den morphologischen Besonderheiten jedes Processes gerechtwerden, und erst dann wird man im Stande sein, auch die ver-wickelten Wechselwirkungen in jedem Einzelfalle zu entwirren.•Solche isolirende Behandlung wird auch dadurch nahe gelegt, dassdurchaus nicht immer alle verschiedenen Processe in gleichemMaasse zur Geltung kommen; es gibt auch Fälle, wo einzelne vonihnen in relativer Reinheit verlaufen oder wenigstens in den