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Frage der Lohnerhöhung abgesehen, wiederholt die im Grad und imUmfang unablässig gestiegene Opferwilligkeit der Arbeitgeber in denrheinisch-westfälischen Kohlen- und Elsendistrikteu anerkannt. Aberauch in diesem Fall (wir erinnern hier an die Verhältnisse im Elsaß )zeigt sich wieder aufs eklatanteste, wie die Frage des sozialen Friedensnicht einseitig und uicht lediglich auf materiellem Gebiet gelöst werdenkann. Zwischen der nothwendigen Aufrechterhaltuug der Disziplinund des Sclbstbestimmungsrechts des Arbeitgebers auf der einenSeite, und einer an die Arbeiter gestellten Forderung unbedingtenschweigenden Gehorsams auf allen Gebieten (wo möglich sogar impolitischen Wahlrecht) uud dankbarer Entgegennahme der oktroyirtenWohlthätigkeit und Fürsorge, liegt eine große Kluft. Sie zu über-brücken ist derjenige Theil der Humanitären Aufgaben der Arbeit-geber, welcher bisher im Allgemeinen, und namentlich in den Streik-bezirken, noch zu wenig ins Auge gefaßt worden ist.
„Haltet euch in Zukunft in möglichst naher Fühlungmit den Arbeitern, gebt ihnen Gelegenheit, ihre Wünschezu formuliren", diese an die westfälischen Arbeitgeber gerichtetench- kaiserlichen Worte schließen alles ein, waS Noth thut. Von ihnen
wollen wir aus- und nicht darüber hinausgehen.
Im vorliegenden Fall kaun es sich naturgemäß nicht darumhandeln, etwa in einzelnen Fällen, z.B. bei bereits ausgebroche-nen Katastrophen, Fühlung mit den Arbeitern zn nehmen, oder ihnenGelegenheit zu geben, ihre Wünsche zu formulircu. ES handelt sichja gerade um Vorbeugung künftiger Katastrophen, und diese istnur erreichbar durch dauernde, unausgesetzt iu Wirksamkeitbefindliche Einrichtungen. Die Besserung der sozialen Verhält-nisse kann nicht in Sprüngen erfolgen, es giebt insbesondere keineUniversalmittel gegen Streiks. Nur ganz allmählig läßt sich derUmschwung der Ansichten und Stimmungen erreichen, welcher dieVorbedingung dauerudeu Friedens ist. Man gewöhnt widerstrebendeArbeiter nicht an Gesetzlichkeit, man beseitigt eingewurzeltes — wennauch ungerechtes — Mißtrauen uicht, man stellt das mangelnde Inter-esse an der Unternehmung, die dem Arbeiter wie dem ArbeitgeberBrod giebt, nicht anders her, man beseitigt auch die eigenen Vorur-theile nicht anders, als im Wege einer unausgesetzten Wechsel-