sprangen. Aber dieses gleiche Volk trug dann in seiner Zer-streuung den antiken Geist und die hellenistische Kultur nachEuropa. In Griechenland und in Rom gab es kapitalistischeOrganisationen, die den modernen gleichen. In Alexandriengehörten die Juden, ihres Landes beraubt, bereits zu den Handel-treibenden. So sind sie den jungen Völkern des Nordens weitvoraus in ihrem wirtschaftlichen Denken. Die strenge Ratio-nalisierung ihrer Lebensführung, ihnen eingeimpft durch ihreLehren, läßt ihnen als einzigem Volk der Antike — darin stim-men wir Max Weber zu — den Beruf zur göttlichen Berufung,zum „Melocho“ (Dienst) werden. Diese religiöse Bewertung derArbeit führt die Juden zu rastlosem Vorwärtsstreben, das ihnensittliche Aufgabe wird.
Äußere Umwälzungen: Kreuzzüge, Entdeckungen, Erfin-dungen, schaffen den Grund zum Bruch mit der Idee derNahrungswirtschaft. Der Horizont weitet sich. Aus der Haus-und Stadtwirtschaft entsteht die Volkswirtschaft. Diese neueWirtschaft führt zur „rationalen Dauerunternehmung“, deren„bilanzmäßig errechneter Schlußertrag in einer Geldsumme aus-gedrückt“ wird. (Max Weber.) Die alte Tradition ist zersprengt.Hier setzt die Mitarbeit der Juden ein. Aber das Aufspürenneuer Pfade ist verknüpft mit schwerem Leid, mit Verfolgungund Tod.
Mit ihrer durch jahrhundertelange Erfahrung erworbenenEinstellung auf bestimmte Berufe, ihrer Anpassungsfähigkeitund ihrer unzweifelhaften kombinatorischen Begabung, die sieden Fürsten als geeignete Lehrmeister erscheinen lassen — wiesie auch Franzosen, Italiener und Holländer zur Förderung derheimischen Wirtschaft heranziehen —, haben die Juden un-streitig zu der neuzeitlichen Entwicklung der deutschen Volks-wirtschaft stark beigetragen. Nur in diesem Sinne wird manSombart zustimmen können, wenn er in seinem Werk „Diedeutsche Volkswirtschaft im neunzehnten Jahrhundert“ (Berlin1913) behauptet: „Stellt man sich auf den Standpunkt der neu-zeitlichen Entwicklung des Wirtschaftslebens, betrachtet man dieEntfaltung kapitalistischen Lebens und damit die Freisetzungstarker produktiver Kräfte als einen Fortschritt, legt man Wert