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Vor genau hundert Jahren, am 15. September 1830, fuhr dererste Zug auf der Linie Liverpool—Manchester. Seit man inEngland die Verwendung der Dampfkraft kannte, hatte manschon viele Versuche gemacht, die Dampfmaschine in denDienst des Verkehrs zu stellen. Erst als George Stephenson,das Proletarierkind aus dem Kohlenbezirk, seit 1825 in diesemRevier zwischen Stockton und Darlington Personenwagen voneiner selbstkonstruierten Lokomotive fortbewegen ließ, war dasProblem gelöst. Trotz aller Widerstände der Zweifler, trotzaller abergläubischen Beschwörungen furchtsamer Gemüter, dieda meinten, das Feuerroß müsse alle Häuser, alle Felder undWälder, an denen es vorbeifahre, in Brand setzen und durchseine giftigen Gase die Vögel in der Luft vernichten, setztesich der Gedanke des Eisenbahnbaues durch. Fünf Jahre (1835)später wird bereits die erste Eisenbahn in Deutschland zwischenNürnberg und Fürth eröffnet. Auch hier galt es, Hunderte vonHemmungen und kleinliche Kurzsichtigkeit zu überwinden.Noch glaubten die wenigsten, daß es möglich sei, die Schnellig-keit der Pferde durch eine von selbst laufende Maschine zuschlagen. War es in Preußen der Oberpostmeister Nagler, dervor dem „unsinnigen Treiben“ warnte, weil die Kosten solcherAnlage sich nie rentieren könnten, so befürchtete das BayerischeObermedizinalkollegium die schlimmsten Folgen für die Reisen-den. „Die schnelle Bewegung“, so schrieb es in seinem Gut-achten, „muß bei den Reisenden unfehlbar eine Gehirnkrank-heit, eine besondere Art des Delirium furiosum erzeugen.Wollen aber dennoch Reisende dieser gräßlichen Gefahr trotzen,so muß der Staat wenigstens die Zuschauer schützen, dennsonst verfallen diese beim Anblick des schnell dahinfahrendenDampfwagens genau derselben Gehirnkrankheit. Es ist dahernotwendig, die Bahnstrecke auf beiden Seiten mit einem hohen,dichten Bretterzaun einzufassen.“ Was würden die guten baye-rischen Medizinalräte sagen, wenn heute ein Schnellzug imho km-Tempo an ihnen vorbeisausen würde!
Gerade die Erfindung, die den Charakter des modernen Zeit-alters bestimmen sollte, begegnete heftigster Feindschaft. Viel-leicht spürten ihre Gegner unbewußt, welche Umwälzungen